Liebe Gemeinde!
Wer kann von sich schon sagen, dass er einen anderen Menschen bis ins Letzte kennt. Machen wir nicht immer wieder die Erfahrung, dass wir an einem Menschen, mit dem wir schon seit Jahren und Jahrzehnten unser Leben teilen, immer wieder neue Seiten erkennen? Das kann spannend sein. Das kann anstrengend sein. Das Kennenlernen eines anderen ist ein lebenslanger Prozess. Im heutigen Evangelium begegnen wir Johannes der Täufer, der mit Jesus verwandt ist. Er weist auf Jesus hin und das, was er sagt, vermittelt uns den Eindruck: Johannes kennt diesen Jesus. „Seht das Lamm Gottes, er ist der Sohn Gottes!“ Oder doch nicht? Denn er sagt zweimal: „Auch ich kannte ihn nicht“. Kann ich von mir sagen, dass ich Jesus kenne? Gut, ich kann einiges über ihn sagen. Aber gilt nicht auch für ihn, was für jeden anderen Menschen in meinem Leben gilt: dass auch hier das Kennenlernen ein lebenslanger Prozess bleibt? Ist es nicht ein wenig anmaßend, wenn wir so leichthin Jesus und Gott umschreiben: Er ist barmherzig. Er ist gütig. Er ist demütig. Das ist nicht falsch. Aber ist es auch immer nur ein Bruchteil. Doch Gott wird immer der ganz Andere sein und bleiben. Und wir werden im Grunde immer nur sagen können, was er nicht ist, statt wie er ist. Gott in Jesus Christus setzt voraus, dass wir uns immer wieder mit Jesus auseinandersetzen: dass wir seine Worte lesen und zu verstehen suchen. Dass wir über sein Handeln nachdenken und ihn uns zum Vorbild, zum Beispiel nehmen, versuchen, in seine Fußstapfen zu treten und ihm nachzufolgen. Dass wir uns öffnen für den Geist, der auch auf Jesus selbst herabkam und ihn erfüllt hat – den Geist des Vaters im Himmel, der uns zu seinen Söhnen und Töchtern macht.
Ihre Pastoralreferentin Claudia Wonka










