Predigt vom 19. Sonntag im Lesejahr A

Der Sturm auf dem See Mt 14,22-33 (Angst und Vertrauen)

Wie lassen sich die biblischen Gleichnisse verstehen? Der tiefere Sinn des auf dem Wasser Gehens aus dem heutigen Evangeliumstext kann vordergründig nicht erschlossen werden. Eine vordergründige Lesart würde sofort fragen, ob es sich dabei nicht um eine Utopie handelt. Eine tiefgründige Lesart lässt sich hingegen mit einer Bildbetrachtung vergleichen. Wer hat das Bild gemalt? Welche Farben sind auf dem Bild zu sehen und welche Bedeutung haben sie? In welcher Zeit wurde es gemalt? Sind persönliche Erlebnisse in das Bild hineingeflossen? Noch tiefgründiger steigt man in den Text ein, wenn man den analysierenden Verstand ruhen und das Herz sprechen lässt. Das Herz weiß mehr. „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, stellt Antoine de Saint-Exupéry fest. In der Hingabe des Herzens lässt sich am tiefsten in die Geheimnisse des Glaubens eintauchen und ihre Poesie erfahren.

Jeder kennt die Erfahrung, von plötzlichem Gegenwind im Leben getroffen zu werden. In Israel kommen die Fallwinde von jetzt auf gleich. Steigt man im See Genezareth auf der einen Seite bei Windstille in ein Boot, weiß man plötzlich nicht mehr, wie man ans Ufer auf der anderen Seite des Sees kommen soll. Die Fahrt wird bedrohlich und der Mensch, der sich mitten auf dem See befindet, wird von Angst übermannt. Diese Angst erleben die Jünger im heutigen Text. Das Boot, in dem sie sitzen, ist das Lebensboot, also das Boot, mit dem man durch das Leben fährt.

Matthäus hatte bei der Abfassung seines Evangeliums die Judenchristen im Auge. Sie haben aus ihrer Geschichte heraus sofort verstanden, was die Jünger durch den plötzlichen Sturm auf dem See erleben. Sie haben sogleich Verbindung gezogen zu den Ängsten, die ihr Volk in der Sklaverei in Ägypten gespürt hat. Auch der mühsame Weg durch die Wüste ist wieder in Erinnerung gekommen. Finden wir aus dieser Wüste jemals heraus, hatten sich die Vorväter gefragt. 40 Jahre hat der Weg gebraucht. Diese lange Wüstenzeit war neben aller Mühsal natürlich auch eine Heilszeit und hat eine besondere Gotteserfahrung eröffnet. Nicht selten geschehen die tiefsten Gottesbegegnungen auch im tiefsten Lebenstal. Aber dieses wüste Tal muss man aushalten und das macht Angst.

Fast unmittelbar vor unserer Erzählung wird die Enthauptung des Johannes beschrieben. Dieses Ereignis hatten die Jünger also im Rücken und mussten damit umgehen. Gleiches gilt für die Zuhörer des Evangeliums, die sich der Gefahr bewusst wurden, die ihre Glaubensüberzeugungen mit sich brachten. Die eigene Lebens- und Heilsgeschichte trat vor das Auge bzw. durch den emotionalen Faktor der Angst auch in das Herz.

Wie gehen Menschen mit ihren Ängsten um? Wie verhalten sie sich zu den Ängsten, die ihre Lieben ausstehen? Welche Aufgabe hat die Kirche in Bezug auf die Ängste der Menschen?

Die Kirche muss primär dort sein, wo Menschen in Ängsten sind. Das Begleiten von Menschen in Not hat höchste Priorität. „Selig sind die Armen“, heißt es in der Bergpredigt. Dieser Gedanke gehört zum Zentrum des christlichen Glaubens. So habe auch ich während meiner Urlaubszeit mit trauernden Menschen in der Gemeinde telefoniert und meine Hilfe angeboten. Ähnliches ist im Grunde von jedem Christen gefordert. Wo man helfen kann, darf man gern helfen. Lebt ein geliebter Mensch in Angst und braucht Hilfe, so läuft die Unterstützung ganz selbstverständlich. Seine Sache ist meine Sache.

Aus der Not heraus kommt ein Mensch wohl nur durch tiefes Vertrauen. Vielleicht lässt sich die Wichtigkeit von Vertrauen am besten durch die Leichtigkeit eines Tierfilmes vermitteln, den ich vor Kurzem gesehen habe. Gezeigt wurde ein Gehege mit zwei Orang-Utan-Jungen, die sich von Baum zu Baum hangelten. Ihre Mutter lag entspannt auf dem Rücken auf dem Boden und hatte die Arme ausgebreitet. Manchmal ließen sich die Kleinen plötzlich auf den Bauch der Mutter fallen und liebkosten sie. Die beiden waren sich offenbar sehr sicher, dass sie von der Mutter gehalten werden. Sie waren voller Vertrauen zu ihr. Nach der Liebkosung konnten sie sich daher zurück zu den Abenteuern in die Bäumen schwingen.

Auf unseren Evangeliumstext bezogen, heißt das zuerst einmal, dass man manchmal aus dem sicheren Boot in das Meer des Lebens aussteigen muss und schwammigen Boden betritt, von dem man nicht weiß, ob er einen trägt. Diese Unsicherheit und Unabsehbarkeit machen Angst. Aber ohne Wagnis kommt man nicht durch das Leben. Petrus wagt den Schritt auf das Wasser, weil er weiß, dass er auf Jesus zugeht, der die Liebe ist und ihn darum tragen wird. Er vertraut ihm fest – und dann kommen plötzlich doch Zweifel. Das ist menschlich. Kein Mensch vermag es, absolut zu vertrauen und immer frei von Zweifeln zu bleiben. Margot Käßmann empfiehlt daher, im Zweifel zu glauben.

Petrus ruft um Hilfe und Jesus erkennt die existentielle Unsicherheit seines Jüngers. Was macht Jesus? Er streckt in dem Moment seine Hand aus und packt Petrus. Diese Hand ist ein Bild für den tragenden Boden der göttlichen Liebe. Petrus legt sich in diese Hand hinein. Er übergibt sich vertrauensvoll an diese liebende Hand und drückt dadurch auch seine eigene Liebe aus. Solch ein Moment des Liebeserlebens und des Vertrauens kann unser ganzes Leben verwandeln – selbst wenn er nur eine Sekunde lang dauert.

Ich wünsche uns, dass wir uns unsere Lebensängste bewusst machen und uns ihnen stellen. Ich wünsche uns, dass wir die Ängste der anderen Menschen sehen und auf sie zugehen. Und ich wünsche uns, dass wir darauf vertrauen, dass da eine Hand ist, auf die wir zugehen und die uns packen und halten wird. Der Mensch ist die Leidenschaft Gottes. Das ist ein unendlicher Segen.

Ihr/Euer

Pastor Thomas Laufmöller

Predigtgedanken vom 16. Sonntag im JK A

Weizen und Unkraut – Gleichnis Mt 13,24 – 30

Die Bibel möchte Gott zur Sprache bringen. In den Gleichnissen Jesu hat sie eine wunderbare Sprache gefunden, die nach 2000 Jahren immer noch wirksam ist. Es ist eine tiefgründige Sprache. Man muss sie sich aber erschließen, um sie auf das eigene Leben übertragen zu können. Die Gleichnisse sind dafür gemacht, um in unserem Alltag zu klingen und uns mit ihren Bildern den Weg des Glaubens zu zeigen.

Ein Beispiel dafür ist das Gleichnis vom Unkraut und dem Weizen. Das Unkraut ist ein Bild für das Dunkle, das Böse; der Weizen ist ein Bild für das Helle, das Gute. Licht und Schatten kommen gemeinsam vor – in jedem Menschen. Der Mensch ist schnell dabei zu sagen, er wisse, was gut und was böse ist. Doch kein Mensch hat die absolute Wahrheit in seinem Besitz. Nur Gott hat sie, weil er die Wahrheit selbst ist. Der Mensch hat höchstens Wahrheitsauffassungen, die zur Disposition gestellt werden müssen. Das Bewusstsein, dass man sich der Wahrheit immer suchend nähern muss, verlangt eine Haltung der Demut. Der Mensch ist außerdem schnell dabei, das Unkraut sofort herauszureißen. Das Gleichnis sagt hingegen: Pass auf, Mensch, reiß es nicht zu schnell heraus, denn du kannst das Böse und das Gute nicht voneinander isolieren. Kein Mensch kann beurteilen, was das Gute und was das Böse ist, weil er begrenzt ist. Würde er versuchen, das Böse herauszureißen, würde er das Gute sofort unvermeidlich mit zerstören. Das Gleichnis lädt den Menschen darum dazu ein, innezuhalten, genau hinzuschauen und zu überlegen.

Der Dichter und Liedermacher Reinhold Schneider hat in den 50er Jahren das Naturkundemuseum in Wien besucht. Dort ist ihm beim Schweifen durch die Sammlung aufgegangen, dass man die Größe und Weisheit der Evolution genauso betrachten muss wie die unvorstellbaren Grausamkeiten. Beides existiert, oft vermischt, aber der Mensch ist dazu eingeladen, das Gute zu bedenken und zu leben.

An wen hat Matthäus sich mit den Worten des Gleichnisses gerichtet? Die Gemeinde in seinem Umfeld war jüdisch geprägt, d.h., sie bestand zu 90 Prozent aus Menschen, die aus dem jüdischen Glauben kamen und sich zu Christus bekannten. Hier unterscheidet sie sich beispielsweise von den Gemeinden, die um Lukas herum zu finden waren. Diese waren nämlich vorwiegend aus Heidenchristen zusammengesetzt. Die Judenchristen um Matthäus hatten ihre festen Riten, ihren Weg zu glauben und zu leben. Sie waren beschnitten, stützten sich auf das mosaische Gesetz und hatten bestimmte Tischsitten. In dieser Gemeinde befand sich außerdem eine kleine Gruppe Heidenchristen, die diese jüdischen Riten nicht mit ins Christentum bringen konnten. Aus Sicht der Judenchristen lebten und glaubten sie daher nicht „richtig“. Sie gehörten nicht wirklich zu der Gemeinde. Überlegen Sie mal, was passiert wäre, wenn man diese Heiden sofort „herausgerissen“ hätte. Dann wäre das Christentum wohlmöglich nicht nach Europa gekommen, sondern in dem kleinen Bereich in Israel steckengeblieben.

Matthäus betont nun, dass die jüdisch geprägte christliche Gemeinde Impulse von außen zulassen soll. Er hat sich für Vielfalt eingesetzt, damit die Menschen an die Wahrheit der Liebe herankommen. Er will eine Vielfalt von Meinungen und Auffassungen groß machen, vielfältige Wege und Traditionen zulassen, weil sie die Menschen in Lebendigkeit zusammenführen und zu Gott leiten. Anstatt sich selbst mit der Verabsolutierung der eigenen Wahrheit zum Gott zu machen, deutet er an, dass man in der Liebe zur Vielfalt der göttlichen Wahrheit näherkommen kann. Denn verschiedene Wahrheiten fügen sich in der Wahrheit zusammen.

Natürlich ist es schwierig, in einer Gemeinde zu leben, wenn man eine Minderheit ist. Aber auch diese Minderheit ist gefragt. Es gilt, aufzustehen und Farbe zu bekennen, Auseinandersetzungen zu wagen, anstatt sich still zu verbiegen und aufzugeben.

Arnold Angenendt hat sein letztes Buch nach diesem Gleichnis benannt und den Aspekt der Toleranz in den Mittelpunkt seiner Ausführungen gestellt. Toleranz kommt vom lateinischen „tollere“. Das bedeutet „tragen“ oder sogar „ertragen“. Wer tolerant ist, erträgt die ihm fremde, gegensätzliche Meinung des Anderen. Er lässt sie zu, begegnet ihr in reifer Phase sogar mit Wertschätzung, da er anerkennt, dass auch der Andere an der Wahrheit haftet, ihr also entgegen strebt. Toleranz ist ein Akt der Liebe – der Liebe zur Wahrheit und zum wahrheitsliebenden Menschen. Natürlich entstehen in einem Raum der Toleranz auch Reibereien, aber durch die Weitsicht dieser Tugend hält man andere Meinungen doch aus und nutzt die Chance, in der Auseinandersetzung auch die eigene Meinung zu überdenken. Wichtig ist dann ein zweiter Schritt, nämlich nicht nur bei der Theorie der Meinungen zu verharren, sondern sie in die Tat umzusetzen, sie in den Gemeinden auszuprobieren. So lassen sich Erfahrungen sammeln, die Wahrheit der Meinungen wird überprüft und muss sich bewähren.

Wenn ich auf die eigene kirchliche Situation schaue, so beobachte ich, dass der von den Bischöfen erlassene Weg der Fusion lebendiger kleiner Gemeinden zu Großgemeinden nur zu tolerieren ist. Ich muss diesem Weg weder zustimmen noch dieses behaupten, sondern ihn aushalten. Für mich stehen die Fragen im Mittelpunkt, ob eine Gemeinde von innen heraus wachsen darf, ob ihre Lebendigkeit blühen darf, ob Glaube, Hoffnung und Liebe dort gedeihen können und ob individuelle Vielfalt ermöglicht wird. Schaue ich mir die Diskussionen der Synode an, so muss man sich fragen, wo wir in fünf Jahren stehen werden. Was ringt sie sich in der Diskussion über die Fragen der Rolle der Frauen im Dienst für die Kirche, ihrer monastischen Strukturen und den Möglichkeiten für die Menschen, sich selbst einzubringen, ab? Und wird das Abgerungene umsetzbar sein oder von Oben mit einem Wisch vom Tisch gefegt?

Was ist ein gereifter Mensch? Das war meine Frage zu Beginn der Heiligen Messe. Ein gereifter Mensch weiß, dass nur Gott die Wahrheit hat und dass Menschen auf der Suche nach ihr sind. Die Wahrheit Gottes, die die Liebe ist, gilt es zusammen mit anderen Menschen zu suchen. Hier muss sich die christliche Nächstenliebe bewähren, die in harten Auseinandersetzungen die Toleranz in jedem Einzelnen fordert. Solch eine Grundhaltung ist auf das Leben und die Liebe ausgerichtet. Ich wünsche uns darum allen, dass wir selbst in harten Auseinandersetzungen die Freude am Leben und Glauben behalten und auf jedem Schritt durch das Glaubensleben hin zur Wahrheit reifen.

Ihr / Euer

Pastor Thomas Laufmöller

15. Sonntag im JK A

Das Sämann Gleichnis – Mt 13,1-9

Jesus redet oft in Gleichnissen zu den Menschen. Sie waren ein Weg, seine Lebensmission zu erfüllen: den Menschen die Botschaft vom Reich Gottes zu bringen. Diese Gleichnisse sind mit Herausforderungen behaftet, da man sie allegorisch deuten lernen muss. Es geht darum, die Bildsprache zu verstehen und zum Klingen zu bringen. Es geht darum, in ihr das Leben wiederzufinden – das Leben mit Gott, das Leben mit dem Anderen, das Leben mit der Schöpfung.

Im Gleichnis vom Sämann lernen wir einen Sämann kennen, der unermüdlich Samen ausstreut. In Israel zur Zeit Jesu wusste so ein Sämann nicht, welche Samen aufgehen werden und Früchte bringen. Denn er wusste nicht, was unter dem Boden ist. Israelische Bauern pflügten zu dieser Zeit ihre Böden nämlich nicht.

Dieser Sämann ist ein Beispiel für Jesus Christus, der unermüdlich versuchte, die Worte Gottes unter die Menschen zu bringen – ohne zu wissen, mit welchen Menschen er es zu tun hat. Er verkündete Gottes Worte der Liebe unermüdlich trotz der vielen Enttäuschungen, die er erlebt hat. Wie oft stieß er auf einen harten Boden? Wie oft wurden seine Worte nicht ins menschliche Leben übertragen?

Auch wir sind als Getaufte und Gefirmte Sämänner und dürfen von Gottes Worten erzählen – ja, es ist sogar unser Auftrag. Natürlich wissen wir von unseren Grenzen und wir wissen auch von den Menschen, die das Wort nicht aufnehmen wollen. Versuchen können wir es trotzdem.

Ein wichtiges Bild im Gleichnis vom Sämann ist der Boden. Er bringt unterschiedliche Voraussetzungen mit. Führt er an den Feldern vorbei, ist er festgetrampelt – wie ein hartes Herz, das sich verschlossen hat. Die Samen, die auf diesen Boden fallen, werden von den Vögeln weggepickt.

Ist der Boden felsig, können die Samen zwar aufgehen, aber sie bleiben an der Oberfläche. Sie können keine Wurzeln ausbilden. Am Anfang des Lebens brauchen Menschen einen kindlichen Glauben, aber je mehr man selbst heranreift, desto reifer muss auch der Glaube werden, desto tiefer muss er also gehen. Es stellen sich Fragen, was die Worte Jesu eigentlich mit dem eigenen Leben zu tun haben. Man hält nicht nur durch die Eltern Kontakt zum Glauben, sondern man geht selbst in das Geheimnis des Lebens hinein. Das kann mühsam sein, aber auch erfüllend.

Der Samen kann auf einen Boden voller erstickender Dornen fallen. Hier muss man sich fragen, was alles das eigene Leben bestimmt. Man hat vielleicht zu viel zu tun und findet keine Zeit für die Tiefe des Lebens und die Reflexion über das Leben. Irgendwann bleibt einem die Luft weg, weil die Hektik einen überflutet.

Natürlich kann der Samen auch auf einen Boden fallen, der offen ist, ihn zu empfangen und Früchte zu bilden. Es ist an jedem Menschen, in das eigene Wesen hineinzuschauen und zu prüfen, welchen Boden man den Worten Gottes bereitet. Oft gibt es Phasen im Leben: mal ist das eigene Wesen so, mal so.

Von Thomas von Aquin gibt es einen wunderbaren Satz: Die Gnade setzt die Natur voraus. Mit „Natur“ meint er das Wesen des Menschen. Dieses Wesen wird von Gott vorausgesetzt. Er kann uns nur offenbaren, was unser Wesen aufnehmen kann. Bei unterschiedlichen Menschen kann das Wesen ganz unterschiedlich entwickelt sein. Ein Mensch, der allein aus den Gütern dieser Welt leben will, ein Mensch, der völlig aus eigener Hand leben will, wird keinen Zugang zur Spiritualität haben. Er ist nicht mehr offen für das Wunder und die Liebe. Er kann Gott nicht mehr nachspüren. Sein Wesen ist dafür nicht offen und so kann Gottes Gnade nicht wirken. Aber jeder Mensch kann sich öffnen und die Gnade im Inneren spüren. Jeder Mensch ist dazu eingeladen.

Ich selbst hatte Glück auf meinem Glaubensweg. Meine Eltern haben die Grundlagen gelegt. Außerdem bin ich in einer Gemeinde aufgewachsen, in der ich einfach sein durfte. Ich habe das Zusammensein mit den Anderen, den Austausch mit Kindern und Jugendlichen erlebt. Der nächste Schritt war bei mir die Musik und die geistlichen Begleiter. Durch beides habe ich mein Wesen entdeckt. Dieses Wesen war schon in mir, aber es musste offengelegt werden. Durch die Musik habe ich eine Kraft erfahren, die mich getragen und gehalten hat. So hat sich mein Wesen geöffnet und Gottes Botschaft konnte reifen und Früchte bringen. Heute empfinde ich das Geschenk des Glaubens als großen Schatz und er erfüllt mich mit großer Dankbarkeit.

Wir können ein Leben lang an unserer Natur arbeiten. Freue dich über das, was die Erde schenkt, aber sei dir dessen bewusst, dass es begrenzt ist. Siehe, dass es etwas gibt, das die Geschenke der Erde übersteigt. Suche Gottes Botschaft und seine Liebe und lebe daraus. Wenn du die Liebe spürst, hat Gottes Gnade dich berührt. Dann kann sie fruchten. Das wünsche ich uns allen!

Ihr

Pastor Thomas Laufmöller

Predigt zum 13. Sonntag im JK

Ich bin getauft! Was bedeutet mir mein Getauft-sein? Röm 6,3-4 und Mt 10,37-42

Denken Sie manchmal an Ihre Taufe? Wahrscheinlich werden Sie sich nicht an sie erinnern. Aber denken Sie manchmal an die Tatsache, dass Sie getauft sind? Machen Sie die Taufe in Ihrem Herzen groß? Was bedeutet die Taufe für Sie?
Das Wort „Taufe“ kommt von „tauchen“. Wer getauft wird, wird in die Liebe Jesu Christi getaucht. Wie sehr leben Sie aus dem Geschenk der Taufe, durch das Sie in besonderer Weise in die Liebe Jesu Christi hineingelegt wurden? Sich durch das Leben hindurch immer wieder an das Geschenk und die damit einhergehende Verbundenheit zu erinnern, ist wichtig. Eine Erinnerungskultur lässt den Menschen reifen.
Paulus‘ Brief an die Römer ist das Vermächtnis seiner gesamten Theologie. Dort heißt es: „Wisst ihr denn nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind?“ (Röm 6,3) Wenn ich in Taufgesprächen die Eltern frage, warum sie ihr Kind taufen lassen möchten, findet dieser Aspekt kaum Anklang. Vielmehr lauten die Begründungen: Das sei Tradition. Das habe man so gelernt. Das könne nicht schaden. So würde das Kind keine Nachteile haben, z.B. bei Kindergartenplätzen. Das Kind könne auf diese Weise lernen, den Glauben in Gemeinschaft zu leben. Man möchte dem Kind eine Richtung geben, ihm den Weg des Glaubens zeigen. Denn die Werte des christlichen Glaubens kann man nur im Umgang mit anderen verwirklichen. Liebe braucht Gemeinschaft. Auch die eigenen Grenzen bedürfen der Unterstützung anderer Menschen und Jesu Christi.
Oder soll man warten, bis das Kind erwachsen ist und es dann selbst entscheiden lassen, ob es getauft werden möchte? Die Taufe ist so etwas wie eine Muttersprache. Man wählt sie nicht selbst, sondern wächst in sie hinein und dann gehört sie zur eigenen Identität. Mit der Taufe wächst man in diesen Glauben und in diese Gemeinschaft hinein. Natürlich müssen die Eltern dafür die Verantwortung tragen und hinter dem Glauben stehen. Auf der anderen Seite bietet die Taufe eines Kindes die Gelegenheit für die Eltern, zusammen mit dem Kind im Glauben zu wachsen. Man darf hier außerdem nicht außer Acht lassen, dass die christliche Kultur unser Leben bestimmt und wir den Blick auf sie daher nicht verlieren sollten. Eine ausdrückliche Auseinandersetzung mit den Wurzeln unserer Kultur tut immer gut – aber eben auch das selbstverständliche Hineinwachsen in sie und das Aufgehobensein in ihr.
Natürlich ist es schwer, mit den Eltern über den paulinischen Aspekt der Taufe zu reden. Wenn ein Kind so klein ist, liegt der Tod gewollt in weiter Ferne und die Vergänglichkeit des Lebens ist ein heikles Thema. Bei Beerdigungen spielt der Rückblick auf die Taufe aber eine große Rolle. Sie macht deutlich, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, sondern dass die Liebe Jesu Christi größer als der Tod ist.

Schaut man sich die alten Taufbrunnen in Israel an, so werden beide Elemente miteinander verbunden. Der Täufling musste drei Stufen hinunter gehen. Wie bei einem Begräbnis führte es ihn zuerst in die Dunkelheit des Todes hinein. Die ersten Christen zogen den Täufling schließlich aus dem Wasser heraus und wollten damit sagen: Es gibt eine Liebe, die den Tod überwindet. Du feierst hier das Leben. Ich bin selbst einmal diese Stufen hinuntergegangen, um dieses Erlebnis nachzuspüren.
Die Taufe ist Beginn, aber nicht das Ende des Glaubensweges. Er führt weiter über die Erstkommunion bis zur Firmung. Sie ist der Abschluss der Taufe. Nun dürfen die Jugendlichen selbst entscheiden, ob sie weiter Teil der Gemeinschaft der Gläubigen sein möchten, die ihr Leben in der Richtung auf Jesus Christus hin führen.
Betrachten wir neben dem Römerbrief zusätzlich das Matthäus-Evangelium, so zeigt sich, welche Herausforderungen durch ein getauftes Leben entstehen können. So liest man: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht würdig.“ (Mt 10,37) Diese Stelle kann man eigentlich nur verstehen, wenn man weiß, in welchem Kontext das Evangelium entstanden ist. Die ersten getauften Christen wurden verfolgt. In den Familien, in denen es einen getauften Christen gab, kam es oft zu großen Konflikten und die Getauften wurden unter Umständen aus der Familie verstoßen. Teilweise nahmen die Eltern auch zu großen Einfluss in den Glauben der getauften Kinder, so dass die Getauften bereits wieder aus der Glaubensgemeinschaft flohen.
Matthäus lebte außerdem in der Überzeugung der Naherwartung, also der Rückkehr Jesu Christi, die das Ende der Zeiten einläuten sollte. So ist eine solch radikale Aussage durch Jesus verständlich. Es macht keinen Sinn, sich mit aller Kraft an die irdischen Ursprünge zu klammern, wenn man seinen Blick doch besser in Richtung des nahenden Himmelreiches wenden sollte.
Auf der anderen Seite lebt der Mensch im Gebot der Gottes- und Nächstenliebe. Das sind nicht zwei voneinander verschiedene Liebesarten, sondern es handelt sich um eine Einheit. Man kann die Gottesliebe nicht gegen die Nächstenliebe ausspielen und umgekehrt. Wer Gott liebt, kann den Nächsten nicht hassen, und wer den Nächsten liebt, liebt Gott implizit mit. Im Sinne des Matthäus sollte aber kein Mensch als Absolutum betrachtet werden, sondern jede Liebe zu einem Menschen hat Gott als absolute Richtung und kann diese Richtung ausdrücklich nehmen.
Ich wünsche uns allen, dass wir uns immer wieder an unser Getauftsein erinnern und daran denken, dass die Liebe größer ist als der Tod. Ich wünsche uns, dass wir die Kinder auf ihrem Weg durch den Glauben unterstützen und das Leben mit ihnen teilen. Und ich wünsche uns, dass wir als Gemeinde zusammen in eine Richtung blicken, in die Richtung Jesu Christi, und dass diese Begegnung für uns alle zum Segen wird.
Ihr / Euer
Pastor Thomas Laufmöller

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Thomas Laufmöller
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