Predigt vom 30. Sonntag im Jahreskreis A

Das „dreifache Gebot der Liebe“ Mt 22,34-40

Ist es nicht seltsam, dass Jesus sagt, das wichtigste und erste Gebot sei es, den Herrn, seinen Gott, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all seinen Gedanken zu lieben – das zweite Gebot aber, den Nächsten zu lieben wie sich selbst? Kann man Liebe verordnen? Kann man sie zum Gebot machen, sie befehlen und erzwingen? Wird die Liebe nicht sofort beschädigt, wenn man sie einfordert? Wie verhält es sich mit der Liebe?

Der Mensch wird es kaum schaffen, einen Anderen zu lieben, weil ein Gebot es ihm vorschreibt. Liebe muss frei geschenkt werden. Sie ist eine Herzensangelegenheit und ist erst dann lebendig, wenn sie aus einem freien Herzen kommt. Das Herz muss vom Anderen berührt sein und sich ihm zuwenden wollen. Liebe kommt also aus dem Willen des Menschen – einem Menschen, der die Entscheidung trifft, den Weg der Liebe gehen zu wollen, sein Leben nach der Weisung Jesu ausrichten zu wollen. Liebe ist ein Wechselspiel aus Schenken und Empfangen. Die Liebe, die man verschenkt, kommt gern zu einem zurück. Auf diesen Liebesaustausch ist der Mensch angewiesen. Er ist lebens-not-wendig. Das Bewusstsein darüber formt die Haltung im Menschen, die ihn den Weg der Liebe einschlagen lässt.

Augustinus sagt: „Liebe und tue, was du willst.“ Ist die Haltung eines Menschen von Innen heraus mit Liebe erfüllt, dann kommt alles andere von selbst. Wer liebt, tut selbstverständlich, was gut ist, weil er alles mit den Augen der Liebe betrachtet. Diese Haltung macht den Menschen glücklich. – So einfach könnte es sein. Leider ist der Mensch oft gespalten. Er liebt nicht nur, nicht überall und jeden, sondern ist gleichzeitig sehr im Irdischen verhaftet. Dadurch entstehen Lieblosigkeiten wie Neid, Missgunst, Konkurrenz, Wut und Hass auf den Anderen. Auch diese Lieblosigkeiten können zur Haltung werden und einen Menschen besessen machen. Wie soll man reagieren, wenn man von solchen Lieblosigkeiten betroffen ist? Wie soll man in solch schwieriger Lage, in der man in die Enge getrieben wird, das Liebesgebot einhalten? Man kann versuchen, dem Anderen aus dem Weg zu gehen. Man muss ihn nicht unbedingt zum Freund nehmen, aber man kann ihn „entfeinden“, also nicht als Feind betrachten, sondern als Mitmenschen, der von Gott geliebt wird. Man kann ihm mit Wohlwollen begegnen und versuchen, Positives in ihm zu finden. Im Zweifelsfall schafft man es vielleicht nur noch, den Anderen sein zu lassen und selbst möglichst gelassen zu bleiben.

Die Spaltung steckt im Wesen jedes Menschen und damit steht er in Gefahr, lieblos zu werden, sich selbst liebesunfähig zu machen. Aber da ist auch die andere Seite, die ihn erfahren lässt, wie gut ihm selbst und Anderen die Liebe tut. Die Liebe Gottes steckt in ihm. Jeder Mensch muss sich daher die Frage stellen, welcher Seite in sich er mehr Raum geben möchte. Was will er groß und stark machen?

Das dreifache Liebesgebot gibt in dieser Frage Richtung:

  1. a) Der Mensch soll Gott lieben.

Wie kann man Gott lieben? Der Mensch ist mit Sinnen ausgestattet, die die Wirklichkeit auf verschiedene Weisen wahrnehmen. Er sieht und hört, riecht und schmeckt und spürt. Seine Sinne sind all das, was in ihm leben möchte und Leben kosten will. Die Sinne sind auf Lebendigkeit ausgerichtet. Kann man mit seinen Sinnen auch Gott wahrnehmen, der diese Lebendigkeit verkörpert und schenkt? Der Mensch kann auf jeden Fall die Zeichen Gottes wahrnehmen, die in jeder Wirklichkeit mitgegeben sind. Das gelingt, indem er das Wahrgenommene in eine höhere Dimension erhebt. Er muss gewissermaßen tiefer schauen. Ein Beispiel wäre das Brot, das mit tieferem Blick die Liebe Jesu ist und denjenigen, der diese Tiefe erkennt, lebendiger macht. Er öffnet der Tiefe sein Herz und wird in diesem Vertrauen auf die Liebe gestärkt.

Hier zeigt sich schon, dass die Liebe, die ein Mensch vertrauensvoll Gott schenkt, keine Einbahnstraße ist. Der Glaube besagt, dass Gott einem offenen Herzen entgegenkommt. Er ist der unendlich Liebende, der den Menschen niemals mit Gewalt oder Autorität begegnet. Er tut nichts gegen den Willen des Menschen, sondern nimmt dessen Wesen an und möchte es weiterentwickeln. Martin Buber übersetzt das aus dem Buch Deuteronomium stammende Liebesgebot nicht mit dem Akkusativ: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben“, sondern mit dem Dativ: „Du sollst Gott die Liebe entgegenbringen“ – und dies mit offenem Herzen, das spürt, dass ihm die unendliche Liebe Gottes entgegenkommt und im Innersten stärkt.

  1. b) Der Mensch soll seinen Nächsten lieben.

Jesus sagt es ganz deutlich: dieses Gebot sei ebenso wichtig. Gottesliebe und Nächstenliebe sind auf einer Ebene. Sie gehören zusammen. Wer Gott und seine Liebe erkennen und verstehen will, muss seinen Umgang mit den Menschen in den Blick nehmen. Wer Gott zu lieben vorgibt, kann nicht gleichzeitig respektlos mit den Menschen und mit der gesamten Schöpfung umgehen. Jesus war jemand, dem es gelungen ist, die Liebe, die er von Gott gespürt hat, an die Menschen weiterzugeben. Das gilt es in der Begegnung zu üben. Im Grunde führt der entscheidende Weg zu Gott über die Liebe zum Nächsten und zur gesamten Schöpfung.

Den Nächsten zu lieben, bedeutet natürlich nicht, es ihm immer Recht zu machen. Kritik, Auseinandersetzung und ein Ringen im Miteinander und im gegenseitigen Verständnis sind nicht ausgeschlossen. Die entscheidende Frage lautet, auf welche Weise dies vonstatten geht. Gerechtigkeit darf Demut und Barmherzigkeit nicht aus den Augen verlieren. Setzt man sich für Gerechtigkeit ein, so muss dies im Bewusstsein geschehen, dass man selbst nicht die absolute Wahrheit besitzt. Kämpft man für Gerechtigkeit, so darf der Andere in dieser Auseinandersetzung nicht fallen gelassen werden. Oft fragt ein Mensch sich, was die Leute denken, wenn er so oder so handelt. Wie wäre es, sich im Konfliktfall eher zu fragen, was Jesus dazu denken würde? Wie hätte er gehandelt? Er hätte nie gänzlich verurteilt und stattdessen Wege der Veränderung vorgeschlagen.

  1. c) Der Mensch soll sich selbst lieben.

Selbstliebe kann eigentlich nur gelingen, wenn man wenigstens einen Menschen an seiner Seite hat, der einen annimmt und an einen glaubt. Jeder Mensch braucht Ermutigung, seine Talente zu entfalten und in die Gesellschaft fließen zu lassen. „Liebe, was Gott dir gegeben hat“, muss ein Mensch hören. Sonst kann es passieren, dass ihm die eigenen Talente gar nicht auffallen. Er fühlt sich klein oder hört auf jene, die ihn klein machen. So ein Vorgehen des Kleinmachens der Menschen muss sich auch die Kirche in ihrer Geschichte vorwerfen. Die Überzeugung, nicht gut genug zu sein oder alles falsch zu machen, hindert einen Menschen daran, den Anderen Gutes zu tun. Die Selbstliebe ist also fundamental für die Nächstenliebe. Nun wäre es ein Fehler, unter Selbstliebe etwas Egoistisches zu verstehen. Vielmehr sollte sich der Mensch fragen, ob das, was er ist und tut, ihm selbst und den Anderen gut tut. Eine Hilfe zur Entdeckung der Selbstliebe kann wiederum die Liebe Gottes sein. Wer Gottes Liebe spürt, entdeckt, dass er selbst liebenswert ist.

In unseren Zeiten sagen Menschen oft, dass sie nicht wissen, ob es Gott gibt, und dass es ihnen letztlich egal ist. Sie interessieren sich aber für die Liebe, durch die sie wachsen. Gläubige Menschen nennen diese Liebe Gott. Der Name ist nicht ausschlaggebend. Was zählt, ist, dass wir diese Liebe immer haben und spüren und aus ihr heraus leben.

Ihr

Pastor Thomas Laufmöller

Predigt zum 28. Sonntag im JK A

„Eingeladen“ Mt 22,1-14

Können Sie das heutige Evangelium mit der Aussage „Wort des lebendigen Gottes“ verbinden? Oder mit der Aussage „Frohe Botschaft unseres Herrn Jesus Christus“? Oder bleiben Ihnen diese Sätze im Halse stecken, nachdem Sie das Evangelium gehört haben, weil es so gewalttätig ist?

Den heutigen Auszug aus dem Matthäus-Evangelium muss man an manchen Stellen ausdrücklich als Menschenwort interpretieren, das aus eigener Erfahrung entstanden ist. Darum müssen wir uns nach dem geschichtlichen Hintergrund fragen, in dem die Worte entstanden sind. Als erstes gilt es festzustellen, dass es sich um ein Gleichnis handelt. Etwas aus der Welt muss auf eine höhere, himmlische Ebene gebracht werden. „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der die Hochzeit seines Sohnes vorbereitete“, lesen wir. Dieser König lädt die Menschen in seiner Güte ein, um in Gemeinschaft die frohe Botschaft miteinander zu empfangen und den Glauben zu teilen. Wir sehen schon an dieser Stelle, dass es sich um eine Einladung handelt und nicht um eine Vorladung. Der Glaube ist nicht erzwingbar. Der König sendet seine Diener aus, damit sie seine Einladung unter die Menschen bringen. Sie sind als Boten Gottes zu verstehen, also als all jene, die getauft und gefirmt sind. Leider kümmern sich die Menschen nicht um die Einladung. Sie haben einfach kein Interesse – weder damals noch heute. Sie haben Besseres zu tun. Der eine geht in seinen Laden, der andere auf seinen Acker. Nun folgt eine Steigerung. Es gibt nämlich auch welche, die die Boten misshandeln und umbringen. Das ist vielleicht nicht mehr der normale Bereich, aber es ist auch vorgekommen.

Die Brisanz kommt erst dadurch ins Evangelium, dass der König Gleiches mit Gleichem vergilt. Matthäus hat hier den jüdischen Leitsatz „Auge um Auge, Zahn und Zahn“ im Hinterkopf. Er denkt daran, dass Könige in der Antike einen brutalen Rachefeldzug geführt haben, wenn man sie um ihre Ehre brachte. Aber ist das auch die Haltung Jesu? Hätte er auch so gehandelt? Hat er nicht vielmehr gesagt: „Steck dein Schwert in die Scheide“? Das Leben Jesu war ein Leben der Gewaltlosigkeit und eher konnten die Gewalttätigen den Gewaltlosen nicht ertragen, als dass er selbst mit Gewalt reagiert hätte.

Matthäus hatte mit seinem Evangelium außerdem seine Gemeinde aus Judenchristen im Auge. Zur Zeit der Abfassung seines Textes herrschte der jüdisch-römische Krieg. Daran haben sich die Christen nicht beteiligt. Die Juden waren empört, hätten sie den Krieg mithilfe der Christen doch gewinnen können. Die Spannung zwischen den beiden Gruppen wuchs also. Matthäus klagt nun wiederum die Juden an: Das Volk Israel habe seinen Herrn nicht erkannt und den Glauben nicht verstanden. Dieser Frust spiegelt sich im Gleichnis derart wider, dass die Diener nach dem Desinteresse der eingeladenen Menschen ein zweites Mal ausziehen und irgendwelche Menschen auf den Straßen auflesen. Mit anderen Worten: Gott wendet sich nun den Heiden zu. Alle dürfen kommen, die ein offenes Herz haben und die Liebe Gottes spüren. Man muss nicht auserwählt sein, nichts vorzuweisen haben, nicht in der ersten Reihe stehen.

Das schließt eine Anfrage an uns ein: Wen nehmen wir in unsere Glaubensgemeinschaft hinein? Wen schließen wird aus? Welche Bedeutung hat Glauben in meinem Leben?

Nun zum letzten Bild: Unter den Gästen von der Straße ist ein Mann, der kein Festgewand trägt. Er ist unbeteiligt, grenzt sich selbst aus der Gemeinschaft aus. Er hat sich nicht vorbereitet. Auch hier lässt sich eine Frage an uns formulieren: Bist du mit dem Herzen dabei oder nur so gekommen? Du bist nicht gezwungen zu kommen, aber wenn du kommst, dann komme mit der Liebe für Gott und den Menschen. Diesem Mann scheinen Interesse und Liebe zu fehlen. Das macht Matthäus wieder scharf. Der Mann wird gefesselt und in die äußerste Finsternis geworfen, wo er heulen und mit den Zähnen knirschen wird. Das sind ebenfalls Worte, die weit von der Botschaft Jesu entfernt sind.

Menschen brauchen die Lebensfreude des Festes. Die Freude, die Christus spendet, übersteigt alle denkbare Freude. Von dieser Freude, dieser frohen Botschaft zu hören und zu künden, ist ein wichtiges Unterfangen. Sind wir bereit, für diese Botschaft der Liebe im Alltag einzutreten? Und das nicht nur durch Worte, sondern auch durch eine Grundhaltung? Alle sind eingeladen. Keiner ist ausgestoßen. Es geht nicht darum, ob jemand katholisch oder evangelisch ist, ob er aus der Kirche ausgetreten ist, ob er geschieden und wiederverheiratet ist. Es geht darum, ob man mit dem Herzen dabei ist. Wenn man mit Wahrhaftigkeit dabei ist, ist man herzlich eingeladen. Das trifft eher die Botschaft Jesu – so wie er sie gelebt und verkündet hat.

Ihr Pastor

Thomas Laufmöller

Predigt zum Erntedankfest

“Was nährt unseren Zusammenhalt?” Mt 21,28-32

Was nährt den Zusammenhalt? Gemeinsame Hobbys ausüben, Karneval feiern, gemeinsame Abende verbringen, einfach froh sein und feiern, in traurigen Stunden nicht allein sein, intensive Gespräche führen und zuhören, Verständnis aufbringen, den Kontakt pflegen, skypen, sich in jemanden einfühlen – all dies haben die Jugendlichen mir als Antwort gegeben. Wie würden Sie selbst die Frage beantworten?

Wo Güte waltet, wächst der Zusammenhalt zwischen Menschen, die zusammenkommen, und man begibt sich gemeinsam auf den Weg.

Wenn die Ernte eingefahren wird, braucht es viele Helfer. Während der Corona-Zeit hat sich das bemerkbar gemacht. Da es zu wenige Helfer gab, konnten nicht alle Früchte geerntet werden. Feiert man gemeinsam und geht das Fest langsam zu Ende, lichtet sich die Zahl der Gäste. Im Gastgeber wächst gleichzeitig die Hoffnung, dass noch genug Helfer zum Aufräumen bleiben. Viele Hände, schnelles Ende. Wir brauchen den Zusammenhalt, damit das Leben Freude macht und wir nicht allein dastehen. Wir brauchen den Zusammenhalt, um die Früchte des Lebens zu sehen, uns darüber auszutauschen und sie zu ernten.

Jesus hat den Begriff der Ernte auf eine höhere Ebene gestellt und mit dem Reich Gottes verglichen. Die Ernte ist groß, doch es gibt nur wenige Arbeiter, die bereits heute ernten wollen, die das Reich Gottes also bereits heute auf Erden zu verwirklichen versuchen. Leichter würde es gehen, gäbe es Zusammenhalt zwischen den Menschen. Glück liegt nicht im Finden eines Cent-Stückes, sondern in der gemeinsam verbrachten Zeit, in der man aufeinander hört, Menschen an seiner Seite spürt, die einen tragen und Lebensfreude geben. So lesen wir im Kolosserbrief, was den Zusammenhalt in einer Gemeinde stärkt: barmherzig sein, dem Anderen helfend zur Seite stehen, bereit sein zu verzeihen und einen Neuanfang wagen.

Werfen wir einen Blick auf Menschen, die in Freundschaft miteinander verbunden sind und einander lieben. Liebende stehen einander gegenüber und sind ineinander versunken – aber auch in ein gemeinsames Anliegen. Man lebt sein Leben und seine Liebe nicht nur in einer Zweierbeziehung, sondern auch in diesem gemeinsamen Anliegen. Ein Paar, das ich gerade getraut habe, hat das im eigenen Leben, aber auch im Hochzeitsgottesdienst genau umgesetzt. Auf meine Frage, welche Erfahrung sie sich nicht wünschen, gaben mir die beiden die Antwort: “Wenn unsere Kinder rassistisch denken würden”. Ihre Fürbitten bewegten sich weg von der Paarbeziehung und in die Mitte der Gesellschaft hinein.

Zusammenhalt wird genährt, wo Menschen in Liebe zusammenkommen und diese Liebe in die Gesellschaft ausstrahlt. Sie ist eine Kraft in der Begegnung mit anderen Menschen. Man gibt weiter, was man im eigenen Herzen hat. Je mehr Liebe sich im eigenen Herzen befindet, desto mehr kann man verschenken.

Hier kommen wir in die Mitte des heutigen Evangeliums. Wir lesen, was es bedeutet, wenn eine Kante im Zusammenhalt steckt. Ein Sohn sagt seinem Vater Hilfe zu und hält sein Versprechen nicht. Ist er nicht ehrlich? Es ist kaum auszuhalten, wenn eine Beziehung auf Lügen aufbaut. Sie zerstören einen wesentlichen Aspekt des Zusammenhaltes. Den genauen Grund für den Bruch der Zusage erfahren wir nicht. Aber wir spüren die innere Gesinnung hinter seiner Tat: der Sohn will nicht, was er zugesagt hat, kann es aber nicht aussprechen.

Der zweite Sohn reagiert anders. Heute würde man sagen: er hat keinen Bock und hat darum dem Vater abgesagt, als der ihn um Hilfe bittet. Dieser Sohn ist jedenfalls ehrlich. Dann denkt er über seine Entscheidung jedoch noch einmal nach und der Gedanke des Zusammenhalts tut sich in ihm auf: mein Vater steht allein da und ich lebe auch vom Ertrag der Familie. Also leiste ich einen Beitrag. Er kehrt um und hilft dem Vater doch. In ihm hat sich etwas verändert, was den Zusammenhalt zwischen ihm und dem Vater stärkt.

Jesus sagt nun, dass es vor allem die Dirnen und Zöllner sind, die genauer hinschauen und umkehren. Damit kritisiert er gewissermaßen die oberste Kirchenbehörde: Ihr habt die Botschaft über das Reich Gottes gehört, aber sie ist nicht in eurem Herzen angekommen. Ihr seid scheinheilig. Ihr sagt Ja nach außen, aber im Herzen seid ihr voller Bosheit. Der Zusammenhalt bricht auseinander, wenn man nicht wahrhaftig ist. Fehler dürfen gemacht werden, aber sie dürfen nicht zum Lebensprogramm werden. Es kann mal passieren, dass man ein Versprechen nicht halten kann. Aber wer sich dafür nicht entschuldigt, der zerstört still den Zusammenhalt.

Zusammenhalt wächst, indem man in eine Gemeinschaft mit einem gemeinsamen Anliegen hineingibt, was man kann. Zusammenhalt wächst, wenn man von den eigenen Grenzen weiß und zu ihnen steht wie zu den eigenen Fähigkeiten. So zu leben, bedeutet, dass das Reich Gottes schon unter uns ist.

Nicht gleiche Antworten, aber die gleichen Fragen. Nicht gleiche Wege, aber das gleiche Ziel. Nicht gleiche Frömmigkeit, aber den gleichen Herrn. Nicht alle gleich, aber alle eins.

Stärken wir also den Zusammenhalt unter uns und üben wir ihn in den Familien. Dann strahlt er in die Gesellschaft aus und wird uns zum Segen. Amen.

Ihr

Pastor Thomas Laufmöller

Predigt zum Fest Kreuzerhöhung

Röm 6,3-4 und Mt 10,37-42

Oftmals sehen wir Menschen, die eine Kette mit einem Kreuz als Anhänger um den Hals tragen. Für manche ist dies ein Ausdruck ihres Glaubens, andere denken darüber nicht nach und einige sehen es einfach als ein Schmuckstück an. Vom Ursprung her ist das Kreuz ein Folter- und Tötungsinstrument. Es stammt von den Persern, die diejenigen Menschen ans Kreuz gehangen haben, die ihrem Land nicht dienen wollten. Die Römer haben das Kreuz später übernommen und all jene, die sich etwas zu Schulden haben kommen lassen und keinen römischen Pass besaßen, brutal am Kreuz hingerichtet. Als Jesus gekreuzigt wurde, musste man das interpretieren. Für die Gläubigen des jüdischen Volkes war ein am Kreuz Erhängter ein von Gott Verfluchter. Darum haben diejenigen mit Führungsanspruch unter den Juden damals sicher gedacht, dass der Spuk Jesu endlich ein Ende hätte, würde man ihn kreuzigen. Denn jeder Jude kannte die Tradition und würde in Jesus sofort einen Verfluchten sehen.

Dann wurde die Kreuzigung Jesu Realität und forderte einen neuen Blick auf das Geschehen und seine Bedeutung. Die Kreuzigung brauchte eine christliche Weisung. Denn warum war Jesus freiwillig diesen Leidensweg gegangen?

Im 4. Jh. n. Chr. wurde in Jerusalem die Auferstehungskirche Anastasis gebaut und im Jahre 320 eingeweiht. Am Tag nach dem Fest fand Helena, die Mutter des Konstantin, die Reliquie des Kreuzes und der Bischof hielt sie dem Volk entgegen. Von nun an war das Kreuz erhöht. Besonders deutlich sieht man das in der Ostkirche, die ein sehr triumphales Bild des Auferstandenen vertritt: den Pantokrator. Christus wird als Weltenherrscher gesehen. Die Westkirche ist etwas gemäßigter. Sie schaut nicht allein auf den Sieg über den Tod, sondern stellt heraus, dass der Weg zur Auferstehung ein mühsamer ist und durch Leid und Qual gehen muss.

Das lässt sich gut im Philipperhymnus sehen, der genau darstellt, was Jesus ausgemacht hat. Paulus hat diesen Hymnus aufgeschrieben, er ist aber schon viel älter und war den christlichen Gemeinden bekannt. Paulus zeigt hier beide Seiten: das schwere Leiden, das Jesus bei der Kreuzigung erleben musste, und den Sieg über den Tod, der dem Leiden folgte. Liest man den Hymnus, so spürt man existentiell, was Jesus durchgemacht hat und was ihn ausmachte. Er war Gott gleich, blieb aber nicht in diesem verherrlichten Bild. Stattdessen entäußerte er sich und wurde zum Sklaven.

Er ging auf die unterste Stufe dessen, was ein Mensch aushalten kann. Warum ist er diesen Weg gegangen? In der Antike war ein sich erniedrigender und leidender Gott absurd. Es kam nicht selten vor, dass ein Volk, das von einem Land in ein anderes zog, die Götter dieses Landes übernahm, wenn man sie als stärker und mächtiger als die eigenen empfand. Und nun ein Gott, der Sklave der Menschheit sein soll… Diese Tatsache möchte ich durch drei Punkte erklären.

  1. Der christliche Glaube ist ein Glaube der Hingabe. Jesus hat sich absolut unter die Botschaft des Glaubens, die eine Botschaft der Liebe ist, gestellt. Selbst als diese Liebe ihn bedroht und geknechtet hat, hat er den Weg nicht verlassen. Er lebte in dieser Wahrhaftigkeit. So ein Leben ist christlicher Glaube, da die Liebe letztlich alles übersteigt. Sie bleibt sich selbst treu und schließt sich der Gewalt der anderen nicht an. So ist Jesus den Weg des Vaters treu gegangen.
  2. Die christliche Tradition spricht von Solidarität. Jesus wollte deutlich machen, was den Menschen trägt, nämlich die Liebe. Er hat dies gleichzeitig gelebt, indem er sich auf die Seite derjenigen gestellt hat, die lieblos behandelt wurden. Das spiegelt die Bergpredigt wider: Selig sind die Armen. Selig sind die, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden… Wer heute leidet, kann sich daher an Gott wenden und sich sicher sein, dass Gott solidarisch an seiner Seite sein wird und gelitten hat, wie er selbst gerade leidet.
  3. Gott ist in unsere Wirklichkeit gekommen. Diese Wirklichkeit ist eine Wirklichkeit des Lichtes und des Schattens. Letzteres bedeutet, dass sie nie frei sein kann von Auseinandersetzung und Ringen, selbst wenn man es manchmal nicht aushalten kann. Die entscheidende Frage ist, ob Gott die gesamte Wirklichkeit sieht, also auch den Menschen im Schatten des Lebens. Wenn das Leid kommt, darf man sich an Gott wenden, weil seine Liebe das Dunkle umwölbt. Es ist Bestandteil dieser Welt, aber Gott benutzt es nicht als Mittel zum Zweck, z.B., um den Menschen an sich zu binden oder ihn kleinzumachen. Es ist kein Erziehungsmittel. Das Dunkle ist in der Welt und dann macht Gott daraus etwas Gutes, wie Thomas von Aquin betont.

Gott hat seinen Sohn über alles erhöht, weil er ganz aus der Liebe des Vaters lebte. Die Liebe hält alles aus und schenkt Leben.

Ich habe gerade mit einem Mann gesprochen, der seine kranke Frau ein Jahr lang begleitet hat. In dieser Zeit sind die beiden eng zusammengewachsen. Wir spüren, dass das Dunkel einen Menschen zu einem tieferen Leben führen kann. Die Freude kann das auch und oft ist sie hierbei noch stärker. Aber das Leid ist da und durch die Liebe können wir sicher sein, dass wir im Leiden nicht in ein bodenloses Nichts fallen. Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.

Christus ist jemand, der vom Himmel gekommen und wieder in den Himmel aufgefahren ist. Er wurde gezeugt und nicht geschaffen. D.h., der Sohn war schon immer in Gott und in dessen Liebe und hat diese Liebe in unsere Welt hineingetragen. Macht man sich das klar, so kann man unter dem Kreuz Halt finden. Christus kennt das Leben des Menschen, da er von Christus kommt und wieder zu ihm zurückgeht, weil Christus mit dem Menschen leidet und ihm seine Liebe schenkt. Der Mensch geht durch Licht und Schatten, aber er bleibt nicht im Schatten, sondern wird immer, also auch im Dunkeln, von Christus gestärkt. Paulus hat daher nicht das Wort ‚Auferstehung‘ verwendet, sondern von ‚Auferweckung‘ gesprochen. Wir stehen nicht selbst auf, sondern werden von Gott auferweckt. Er tut das Entscheidende.

Die Liebe schafft alles. Sie ist größer als der Tod. Hundertprozentig. Amen.

Ihr

Pastor Thomas Laufmöller

Predigt Erstkommunion

Ihr seid das Licht der Welt Mt 5,14

Die Botschaft Jesu will unser Leben prägen. Das kann sie nur, wenn seine Worte uns im Innersten berühren. Dafür müssen sie immer wieder in die aktuelle Zeit übersetzt werden. Allein auf diesem Weg kann der Versuch, Nähe aufzubauen, gelingen. Ich versuche dies nun am Beispiel zweier Figuren. Der ersten Figur sage ich: „Das schaffst du nie. Du hast gezeigt, dass du keine Ahnung hast. Du verstehst von der Sache nichts. Du bist zu schwach. Aus dir wird sowieso nichts.“ Diese Figur ist in sich zusammengesackt und man kann sich vorstellen, dass sie durch meine Worte noch mehr in sich zusammensinken wird. Menschen, die solche Worte hören, verlieren ihr Selbstbewusstsein.

Der zweiten Figur sage ich: „Du hast mir immer geholfen. Du hast wunderbare Ideen und das Talent, etwas aus dir zu machen. Ich bin froh, dass du da bist. Du hast Licht in mein Leben gegeben.“ Diese Figur steht aufrecht. Sie sieht dankbar und erfüllt aus.

Jesus hatte genau diese Art, Menschen aufzurichten und großzumachen. Auf diese Weise wirkt seine Zusage: „Ihr seid das Licht der Welt“. In den angesprochenen Menschen ist das Licht der Liebe und des Glaubens. Jesus traut ihnen das zu und sie spüren, dass dieses Zutrauen sie groß macht.

Was hat es mit dem Bild des Lichtes auf sich? Es steht für die christliche Weisung und ist mit einem Namen, einer Person verbunden, die in die Welt gekommen ist: Jesus von Nazareth. Er trägt das ganze Licht Gottes in sich und verstreut es in die Welt hinein. Es ist kein Zufall, dass „Licht“ und „Liebe“ ähnlich klingen. Die Liebe Gottes wird als strahlendes Licht in unsere Welt hineingetragen und der Mensch ist eingeladen, dieses Liebeslicht zu ergreifen.

Ich singe gern das Lied, das mit den Worten „In der Mitte der Nacht liegt der Anfang eines neuen Tages“ beginnt. Die drei Strophen des Liedes verwenden das Bild des Lichtes und steigern es. In der ersten Strophe heißt es: „Ich will Licht sehn“. Das ist die Haltung des gläubigen Menschen. Er möchte sein Leben auf Christus ausrichten und fragt sich, wie er das verwirklichen kann. Im Grunde ist es leicht, denn wir sind Lichtwesen. Das spürt man, wenn man abends einen Spaziergang macht. Der Himmel ist dunkel und wo schaut man hin? Man sucht einen leuchtenden Stern. Menschen sind Lichtwesen, weil das Licht sie anzieht. So können sie das Licht der Welt sein, wenn sie in Christus das Licht sehen. Es strahlt sie an, stärkt sie und lässt sie den Weg meistern.

Die zweite Strophe beginnt mit einer Entscheidung; „Ich will Licht sein“. Man hat sich vom Licht Jesu Christi durchdringen und im Innersten berühren lassen und möchte dieses Licht nun an andere Menschen weitergeben. Man möchte ihnen von der Botschaft der Liebe erzählen und diese Liebe leben.

In der dritten Strophe heißt es: „Lasst uns Licht sehn“. Wenn ein Mensch die anderen Menschen angestrahlt hat, leuchtet man in Gemeinschaft und möchte zusammen die Botschaft Christi erleben. Das gilt es großzumachen. Das ist es, was Kirche trägt. Jeder strahlt auf seine Weise und doch sind alle zusammen auf das Licht der Liebe ausgerichtet.

Dazu braucht es nicht nur in heutiger Zeit Mut. Durch das unübersehbare Strahlen lebt man nicht im Verborgenen, sondern ist den verschiedenen Menschen und ihrer Kritik ausgesetzt. Aber durch die Zusage des Zutrauens: „Ihr seid das Licht der Welt“, kann der Gläubige selbstbewusst seinen Weg gehen. Dabei darf er sich natürlich nicht größer als andere Religionen machen. Er darf vielmehr seiner eigenen Wahrhaftigkeit nachgehen und die Licht- und Liebesbotschaft Christi so verkünden, wie es ihm möglich ist.

Ein mystischer Mensch ist jemand, der in den Erfahrungen seines Lebens das Licht sucht. Hier kann er am Kreuz nicht vorbeigehen. Dunkelheiten werden auf ihn zukommen, aber er kann sich in der tiefsten Dunkelheit darauf verlassen, dass da immer dieses Licht ist, entweder in ihm selbst oder auch im anderen Menschen – dieses Licht der Liebe Christi, an dem er sich festhalten kann. Er ist nie grenzenlos allein, da er weiß, dass Christus das Licht der Welt ist und die Menschen in seiner Folge ebenfalls. Dieses Licht ist immer in uns und wir können immer wieder danach suchen.

Bei der Erstkommunion heute haben wir eine Lichtprozession veranstaltet. Die Osterkerze ist vorweg gegangen und die kleinen Lichter folgten ihr. Licht der Welt zu sein, bedeutet, hinter Christus herzugehen und sein Licht großzumachen. Möge dadurch mehr Licht und mehr Liebe in unser Leben und in unser Herz kommen.

Ihr

Pastor Thomas Laufmöller

Predigt zum 23. Sonntag im JK

Zurechtweisung und Ausgrenzung Mt 18,15-20

Menschen haben Grenzen und werden schuldig. Diese Tatsache kann man bei sich selbst verdrängen und die Schuld immer beim Anderen suchen – oder aber man kann die eigene Schuldfähigkeit annehmen. Licht und Schatten kommen in jedem Menschen zusammen vor und man muss lernen, damit bewusst umzugehen. Eine gute Übung ist es, sich selbst zu fragen, wo man in der letzten Woche schuldig geworden ist.

Der Umgang mit Schuld ist das Thema des heutigen Evangeliums. Liest man die Passage, so stellt sich die Frage, ob man sie frisch und frei und ganz ohne Einwand mit „Wort des lebendigen Gottes“ beschließen kann. Kann man darauf mit „Lob sei Dir, Christus“ antworten? „Evangelium“ bedeutet „frohe Botschaft unseres Herrn Jesus Christus“ und hier wird einem ein Rechtsprozess um die Ohren geschlagen, der weit von der frohen Botschaft Jesu entfernt ist.

Es gibt verschiedene Methoden der Bibelbetrachtung. Manchmal sind Worte nicht ganz korrekt übersetzt, manchmal werden Jesus Worte in den Mund gelegt, die nicht zu ihm passen und daher eher vom jeweiligen Evangelisten stammen müssen. Letzteres trifft wohl beim heutigen Text zu. Problematisch scheint mir, dass Matthäus ausdrücklich schreibt, dass Jesus hier zu seinen Jüngern spricht. Er suggeriert also, dass die Worte von Jesus stammen.

Der Beginn dieser Passage ist sehr vernünftig. Gibt es Schwierigkeiten in einer Gemeinschaft, wird jemand schuldig, so soll man dies erst einmal mit ihm unter vier Augen besprechen. Statt also mit Anderen hinter seinem Rücken über ihn zu reden, wählt Jesus den direkten Weg. Ist der Konflikt so nicht zu lösen, soll man weitere Personen hinzuholen. Der Schuldige wird in die Enge getrieben. Schließlich soll er sogar der Gemeinde vorgeführt werden, wenn auch der zweite Schritt ohne Erfolg bleibt. Man zeigt mit dem Finger auf ihn. Nun kommt der drastischste Schritt von allen: „Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder Zöllner.“ Der Schuldige wird aus der Gemeinschaft ausgestoßen.

Auf so einen Rechtsprozess kann man eigentlich nur mit einem innerlichen Aufbegehren reagieren. Jesus wird in diesen Worten missbraucht. Wahrscheinlich stand Matthäus unter großer Spannung. Eine Gemeinde stand durch den Konflikt Einzelner auf dem Spiel und Matthäus hatte Angst, dass der Konflikt auf die gesamte Gemeinde übergreifen würde und zur Auflösung derselben führen könnte. Seinen in den eigenen Augen richtigen Weg hat er durch Jesus autorisiert. Wenn man nun nicht fundamentalistisch vorgehen will, muss man den Text daher kritisch lesen.

Betrachtet man die vier Evangelien im Ganzen, wird einem deutlich, dass Ausgrenzung nicht zu den Methoden Jesu gehört. Zwar mag die Kirche das in der Geschichte oft übersehen haben und recht gründlich Gebrauch von der Exkommunikation gemacht haben, wenn jemand anderer Meinung war. Die rechte Meinung hat sie für sich selbstverständlich in Anspruch genommen und so konnte sie den Anderen zurechtweisen. Aber auf Jesus konnte und kann sie sich, wenn sie es ehrlich meint, hier nicht berufen. Jesus hatte eine Haltung im Umgang mit menschlichen Grenzen, die das Menschliche übersteigt. So lesen wir in Lk 15 die Geschichte vom barmherzigen Vater, der unendlich liebt, statt auszugrenzen, auch wenn ihm das Herz schwer gemacht wird und man ihm weh tut. Matthäus hingegen steckt mitten in den menschlichen Grenzen fest. Statt, wie wir heute bei Paulus gehört haben, mit den Augen der Liebe zu reagieren – „Die Liebe schuldet ihr einander immer.“ und „Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetztes.“ (Röm 13) –, fällt Matthäus zurück in alte, harte Moral.

Das ist schon aus dem Grund verwunderlich, weil er einige Verse vor unserer Passage davon schreibt, wie ein guter Hirte 99 Schafe zurücklässt, um das eine verlorengegangene Schaf wiederzufinden. „So will auch euer himmlischer Vater nicht, dass einer von diesen Kleinen [die an Jesus glauben] verloren geht“, lesen wir dort. Das Leben des Einzelnen ist Gott wichtig. Jesus ist es wichtig, dass jeder, der sich verirrt hat, den Weg zurück in die Gemeinde findet. Er soll von der Liebe Christi durchdrungen und gestärkt werden. Er soll nicht wie ein Heide oder Zöllner ausgeschlossen bleiben.

Gerade das Beispiel des Zöllners ist bedenkenswert. In Lk 19 lesen wir, dass der Zöllner Zachäus auf einen Baum klettert, um den Einzug Jesu nach Jerusalem zu beobachten. Für die Menge ist jemand wie Zachäus schuldig. Jesus ist sich dessen auch bewusst und trotzdem begrüßt er den Zöllner und kehrt bei ihm ein. Statt sich an das Gesetz zu halten, schaut er mit liebenden Augen auf den Menschen. Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit. Sie müssen zusammen vorkommen. Die Liebe darf sich der Gültigkeit von Schuld nie beugen. Sonst wäre Zachäus noch höher in den Baum hinauf geklettert, sagte mir mal ein Kind. Jesus betont, dass man 77×7 Mal vergeben soll und nicht nur ein Mal.

Diese Beispiele zeigen, dass die Liebe Jesu mit nichts Menschlichem zu vergleichen ist und man die Worte der Evangelisten nicht absolut setzen darf. Stattdessen möchte ich zum Schluss noch Fjodor Dostojewski anführen, der zutiefst aus der Liebe Christi gelebt hat. Auch er war ein begrenzter Mensch. Als politischer Häftling fand er sich in jungen Jahren in einem sibirischen Straflager wieder und empfand es als Ungerechtigkeit, inmitten von Mördern, Gewalttätern und Dieben leben zu müssen. Dass er genau wie sie behandelt wurde, entsetzte ihn. An einem Ostermorgen entdeckte er schließlich eine entscheidende Veränderung in sich, die zur Tradition Jesu passt: „All diese Leute sind doch genau wie du selbst. Du musst die Verurteilung überwinden durch das Verstehen. Du darfst keinen Menschen richten, denn es wird in seinem Leben alles richtig nur, indem du ihn verstehst.“ Es hatte sich eine innere Wandlung vollzogen. Diese hat Dostojewski durch sein Leben hindurch bis zu seinem Sterben getragen. Kurz vor seinem Tod bat er um die Bibel, ließ Lk 15 aufschlagen, also die Geschichte vom barmherzigen Vater, und legte diese Geschichte an sein Herz. Sinngemäß soll er dann zu seinen Kindern gesagt haben: „Wann immer ihr in eurem Leben schuldig werden mögt, vergesst niemals: Ich, euer eigener Vater, würde euch alles vergeben, was immer ihr jemals tätet und wohin immer ihr gelangen würdet. Und so glaubt noch viel mehr, dass Gott, euer ewiger Vater, euch begleiten wird, wohin immer das Leben euch führt. Mögt ihr auch schuldig geworden sein.“ Er gibt einen wichtigen Rat: „Verzweifeln in der Schuld und an der Schuld, das müsst ihr nicht. Nur davor bewahre euch Gott: schuldig zu werden aus Verzweiflung.“ Seine Tochter fügt diesen Worten hinzu, sie habe in ihrem Leben niemals Angst gehabt, denn das Bild ihres Vaters habe sie überallhin begleitet.

Wer ist näher am Leben Jesu: Matthäus oder Dostojewski? Ich möchte diese Frage eindeutig beantworten. Amen.

Ihr/Euer

Thomas Laufmöller

22. Sonntag / Lesejahr A

Jünger sein Mt 16,21-27

Liebe Gemeinde

Was es bedeutet, Jünger Jesu zu sein, spürt man sehr deutlich im Matthäus-Evangelium. Ein Jünger Jesu müsse täglich sein Kreuz auf sich nehmen, sich selbst verleugnen und ihm nachfolgen. Es sind harte Worte, mit denen Matthäus diese Jüngerschaft beschreibt. Er fordert Leidensfähigkeit als Grundvoraussetzung für das Jüngersein ein. Aber es wird noch härter. Im Evangeliumsauszug der letzten Woche wird Petrus von Jesus als sein Fels, auf dem er seine Kirche bauen möchte, benannt. Nun hingegen reagiert Jesus sehr unwirsch auf seinen Felsen: „Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen!“ Dabei ist der Wunsch des Petrus, Gott möge das Schicksal der Kreuzigung Jesu verhindern, verständlich. Es ist verständlich, dass ein Mensch sich so etwas aus Liebe wünscht. Viele Menschen können angesichts des grenzenlosen Leides auf der Welt oder im persönlichen Leben nicht glauben. Leid ist nichts, das man einfach so akzeptieren kann. Jesus sieht die Sache anders. Seiner würdig sei man nur, wenn man das Leid annehme.

Woher kommt diese harte Radikalität im Matthäus-Evangelium? Die brutale Hinrichtung Jesu am Kreuz liegt 40 Jahre zurück. Aus dieser Brutalität heraus konnte sich die frohe Botschaft der Auferstehung für alle Menschen kristallisieren. Aber wann ist sie zu erwarten? Jesus hatte gesagt: „Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht erleiden, bis sie den Menschensohn in seiner königlichen Macht kommen sehen.“ Die Parusie ist also versprochen – und nichts hat sich in diesen 40 Jahren getan. Inzwischen wird Jesus dargestellt wie ein Esel, der ans Kreuz genagelt wurde. Die ersten Christen verlieren die Geduld, verkünden aus Angst vor solchem Spott die frohe Botschaft von der Unendlichkeit des Lebens nicht mehr und verlassen die Gemeinden. Die Botschaft, die die Sehnsucht des Menschen trifft, droht unterzugehen.

In der Mitte dieser Auseinandersetzung befindet sich Matthäus. Er sieht, dass sein Umfeld von Judenchristen der Verspottung Preis gegeben ist und sich ständig vor anderen Menschen rechtfertigen muss. Er sieht, wie schwer der Weg des Glaubens manchmal sein kann.

Diese Tatsache findet sich schon bei Jeremia. Den Weg des Glaubens zu gehen und die Botschaft der Liebe zu verkünden, braucht viel Kraft. Der Glaube steht sehr oft in Frage. Ähnliches sieht man bei Luther. Als er danach gefragt wurde, was die Lebendigkeit des Glaubens sei, musste er eine Nacht darüber schlafen und sagte schließlich: „Hier stehe ich und kann nicht anders.“ Er zeigt, dass Glaube mit Wahrhaftigkeit zu tun hat. Ebenso Ghandi, der mit seinem Herzen für Frieden und Verständnis unter den Menschen und Religionen immer wieder zurückgedrängt wurde. Und doch ist er stets aufgestanden und hat sich ruhig und beständig für das eingesetzt, an das er geglaubt hat.

Oder schauen wir uns Sokrates an, der wegen seiner Art und Weise, Philosophie im Dialog zu treiben und Etabliertes in Frage zu stellen, zum Tode verurteilt wurde. Im Gefängnis versuchten seine Freunde, ihn zur Flucht zu überreden. Aber er hat sich geweigert, sein Streben nach dem Guten, Richtigen und Wahren aufzugeben, um seine Wahrhaftigkeit nicht zu verleugnen. Jesus selbst hätte vor Pilatus sagen können: „Ich bin es nicht.“ Vielleicht hätte ihn das gerettet. Es hätte sein irdisches Leben gerettet, aber er hätte dadurch seine Seele gewissermaßen verkauft und seine Wahrhaftigkeit aufgegeben.

Das Kreuz auf sich zu nehmen, ist ein Akt der Treue und der Wahrhaftigkeit. Es steht symbolisch dafür, dass man bereit sein muss, mit den Hindernissen des Lebens umzugehen. Jeder Glaubensweg hat solche Hindernisse. Letztlich geht es um die Frage, wie viel Liebe und Hoffnung man lebendig in sich trägt und als Motivator nehmen kann. Stehe auf und folge deinem eigenen Herzen! Mobilisiere die Liebe, die durch Taufe und Firmung in dich geflossen ist! Stärke sie im Austausch mit anderen Menschen, mit denen es zusammen den Glaubensweg zu finden gilt! Gegenseitige Impulse sind zentrale Schritte, die Weiterentwicklung bedeuten können.

Natürlich werden Hindernisse den Weg beschweren, aber wichtig ist, sich durch sie nicht von der Liebe Christi im eigenen Herzen trennen zu lassen. Hier kann helfen, die eigenen Probleme im Gebet vor Gott zu tragen. Dann vermag der Mensch es vielleicht, auf dem eigenen Weg zu bleiben, auch wenn Autoritäten oder Mächtige einen von diesem vertreiben wollen. Jesus ist das beste Beispiel. Es waren sadduzäische Priester, die ihn am Kreuz sehen wollten. Sie wollten den Pantokrator, den totalen Gott, feiern. Dieser Vorstellung des Weltenherrschers stand der ohnmächtige Gott gegenüber, den Christus verkörpert. Je gelehrter, desto verkehrter. Man sollte die eigene Vorstellung von Wahrheit immer in Frage stellen. Aber man darf auch seinem Herzen vertrauen und in die eigene Wahrheit hineingehen, um die Liebe Gottes im eigenen Herzen groß zu machen.

Wenn Jesus ärgerlich zu Petrus sagt, er solle ihm aus den Augen gehen, so lässt sich dieser Vorgang folgendermaßen vorstellen: Petrus und Jesus stehen einander gegenüber. Jesus schaut Petrus ärgerlich an und verbannt ihn aus seinem Blickfeld. Aber in Petrus, dessen liebendes Herz diese Verbannung provoziert hat, geht die Liebe nicht unter. Er geht Jesus zwar aus dem Blickfeld, stellt sich aber hinter ihn, da er dort nicht mehr gesehen werden kann. Glaube heißt nach Franz Kamphaus, hinter Jesus herzugehen. Das ist die Zielperspektive. Je mehr Liebe ein Mensch im Herzen hat, desto mehr vermag er das, desto mehr ist er Jünger Jesu.

Ihr

Pastor Thomas Laufmöller

Predigt zum 21. Sonntag im JK

Jesus fragt auch uns: „Wer bin ich für dich?“ Mt 16,13-20

Bekommt man Fragen gestellt, kann man intensiver in ein Gespräch eintauchen. Fragen können aber auch eine Herausforderung sein, weil sie den Befragten zum Nachdenken bringen. Im 5. Jahrhundert vor Christus war bereits der Philosoph Sokrates ein großer Fragender. Er ist jeden Tag auf den Marktplatz gegangen und hat den Menschen Fragen gestellt. Dadurch hat er sie in ein Gespräch und auf den Grund der Fragen gezogen. Oft mussten sie dadurch allerdings einsehen, dass sie mit ihrer Meinung falsch lagen. So eine Einsicht ist nicht nur für das eigene Selbstbild eine Herausforderung.

Auch im heutigen Evangelium stehen zwei Fragen im Mittelpunkt, die Jesus seinen Jüngern stellt. Die erste Frage ist noch recht harmlos: „Für wen halten die Leute den Menschensohn?“ Über andere Menschen kann man leicht reden – besonders wenn sie nicht dabei sind. So finden die Jünger auch schnell verschiedene Antworten, die sie in den heiligen Schriften gelernt haben. Einige halten Jesus für Johannes den Täufer. Dieser steht für den Übergangspropheten vom jüdischen Gesetz, aus dem er lebte, hin zum Messias, dessen Armut er teilte. Andere halten Jesus für Elija, der die Baals-Götter mit dem Schwert niederschlug. So sorgte er für Ordnung. Gleichzeitig hatte er etwas mit der Sanftheit Jesu gemein – begegnete er Jahwe doch in einem sanften Säuseln. Wieder andere halten Jesus für Jeremia. Dieser ist vielleicht am nächsten an Jesus dran, da er in seinem Leben viel Leid und Not aushalten musste.

Nach diesem leichten Vorspiel folgt die zweite Frage an die Jünger: „Für wen haltet ihr mich?“ Diese Frage ist persönlich. Sie geht ins Eingemachte. Darum erntet Jesus erst einmal blankes Schweigen. Die meisten Menschen wissen nicht mal, wer sie selbst sind. Thomas von Aquin sagt noch dazu, der Mensch sei nicht in der Lage, das Wesen einer einzigen Mücke zu erkennen. Und da sollen die Jünger das Wesen Christi durchschauen?

Diese Situation erinnert mich an Bilder, die der Philosoph Platon häufig verwendete. Der Mensch ist ihm zufolge begrenzt und sieht erst einmal nur die Schatten der Wirklichkeiten, statt ihr Wesen zu erkennen. Dieses Wesen können wir nicht absolut greifen und verstehen. Trotzdem sind wir eingeladen, dasjenige, was man sieht, zu deuten und auf diesem Weg in die wesentliche Tiefe der Schatten vorzudringen. Das setzt Innehalten, Reflektieren und Austausch mit anderen voraus. Dann sieht der Mensch ein, dass jede Erkenntnis seinen heutigen Blickwinkel wiedergibt, dass man sie diskutieren und mit dem Blickwinkel der anderen vergleichen muss.

Solche Gespräche werden umso tiefer, je mehr sie mit den Augen der Liebe geführt werden. Durch die Liebe kommt ein Gespräch auf eine andere Ebene. Hier sind wir in der Mitte des Evangeliums. Denn Petrus tritt als Einziger unter den Jüngern hervor und gibt eine Antwort auf die Frage Jesu: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“ Jesus reagiert, indem er sich zu Petrus bekennt: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.“ So eine Aussage ist einzigartig in den Evangelien und doch hat die Kirche sie genommen, um ihr Papstamt damit zu begründen und sie zu einer Machtaussage zu interpretieren – von Karl dem Großen bis Napoleon. Zwar gab es zu Beginn verschiedene Orte der Macht, aber irgendwann hat der Papst in Rom beschlossen, er stehe über allen.

Schauen wir uns die Erkenntnis des Petrus und das Bekenntnis Jesu näher an, so lassen sich daraus vier Säulen errichten:

  1. Jesus stellt sofort klar, dass Petrus seine Erkenntnis nicht aus sich selbst heraus gewonnen hat, sondern dass die Liebe des Vaters sie ihm offenbart hat. Im Grunde folgt daraus für die Kirche, dass sie keine Institution der Macht ist, sondern die Aufgabe hat, Menschen zu sammeln, die aus dem Innersten, also aus der Liebe leben. Sie soll die Herzen der Menschen öffnen, damit sie die Liebe, die sie durch Gott schon immer in sich tragen, bewusst suchen und spüren. Die Macht, um die es wirklich geht, ist die Macht der Liebe.
  2. Das Bild des Felsens eröffnet die Frage, woran man sein Leben festmacht. Sind wir als Kirche etwas, das sich an der Liebe des Vaters festmacht? Ist die Kirche so ein Fels der Liebe, dann ist sie etwas, an das jeder Mensch sich anklammern können soll.
  3. Petrus bekommt als Fels, auf den die Kirche in der Nachfolge Jesu gebaut werden soll, von Jesus den Schlüssel zum Himmelreich. Das hat die Kirche als Schlüsselgewalt gedeutet. Eigentlich ist damit aber gemeint, dass Petrus die Herzen der Menschen aufschließen soll, dass er im Gespräch weiterreichen soll, was er selbst gespürt hat.
  4. Jesus nennt Petrus „Barjona“, also den Sohn des Jona. Dieser ging in die Dunkelheit des Fischbauches und wurde zum Leben wieder hinausgespuckt. Hier wird bildhaft das Kreuzesgeschehen angedeutet. Im Leben muss der Mensch durch viele Dunkelheiten gehen, doch sie sind nicht das Ende. Durch die Dunkelheiten hindurch geht es in den Ostermorgen hinein. Die Liebe macht das bereits in den Dunkelheiten deutlich.

Ich wünsche uns und der Kirchenleitung, die Kirche neu zu sehen bzw. in dieser ursprünglichen Tradition zu deuten. Vielleicht kommen Zusammenbrüche auf sie zu, in denen sie sich neu formen muss. Das Wichtigste dabei ist, dass die Liebe Gottes niemals zusammenbricht.

Ihr

Pastor Thomas Laufmöller

Predigt zum Fest Maria Aufnahme in den Himmel

Lk 1,39-56

Wenn Sie auf Ihr Leben schauen, welche menschlichen Begegnungen haben Sie bis heute geprägt? Welche Begegnungen waren sogar so entscheidend, dass sie Ihrem Leben Richtung gegeben haben – einen Impuls, ohne den Ihr Leben vielleicht ganz anders verlaufen wäre?

Wenn man auf den Weg des Lebens und auch des Glaubens schaut, so ist die Prägung durch das Elternhaus sehr wichtig. Als Kind muss man spüren, dass man unendlich geliebt wird. Das prägt die Seele entscheidend. Nur so wird das Kind die Liebe mittragen durch das ganze Leben.

Mein Weg des priesterlichen Dienstes war nicht von Anfang an vorgegeben. Zwar lebte meine Familie aus dem Wort des Glaubens, aber mein Glaubensweg war von Liebe und Freiheit bestimmt. Tatsächlich hat eher mein Großvater meinen Weg angestoßen. Er hat mir Orgel- und Klavierspielen beigebracht. Seine alte Stimmgabel habe ich immer noch. Sie ist ein wichtiges Erinnerungsstück für mich. In meiner Gemeinde kam ich dann in Kontakt mit dem Organisten, der Musik mit Theologie verbunden hat. Sein theologischer Ansatz war aufgeschlossen und karitativ. Auch die andere Gemeinde in meiner Heimatstadt hat mich geprägt. Sie war vom Ansatz her ganz anders und gerade die Verschiedenheit der beiden Gemeinden war für mich interessant. Während meines Theologiestudiums hatte ich in Johannes Bours einen wertvollen spirituellen Begleiter, der bis zu seinem Tod an meiner Seite war. Man könnte sagen, dass er mit mir auf der Suche war. Denn er hat gefragt, was mein Weg sein könnte. Darüber haben wir Dialoge geführt und ich habe Möglichkeiten ausprobiert. Durch ihn habe ich auch Franz Kamphaus kennengelernt, der mich in seinem Auftreten und mit seinen Gedanken sofort in seinen Bann gezogen hat.

Nun bin ich schon seit 15 Jahren hier in St. Stephanus und seit 18 Jahren an der Friedensschule. Diese Zeit ist geprägt durch gewachsene und sich vertiefende Begegnungen. Manchmal kommt es sogar zu überraschenden Wiederbegegnungen, wenn Menschen, mit denen ich in ihrer Jugend zu tun hatte, nun mit eigenen Kindern in der Friedensschule auftauchen. Erinnerungen an die früheren Begegnungen werden wiederbelebt. In anderen Gemeinden helfe ich gern aus. Hier aber ist meine Heimat. Da, wo wir Zuhause sind, leben wir von Begegnungen und einem sich wechselseitig befruchtenden Miteinander. Das braucht natürlich auch immer die Bereitschaft, sich zu begegnen. Neben den Meilensteinen unter den Begegnungen sind stets Begegnungen dabei, die zu Auseinandersetzungen führen.

Selbst wenn man auf den ersten Blick denkt, dass man solchen Begegnungen lieber aus dem Weg gehen würde, so sieht man meist im Nachhinein, dass sie einen Menschen reifer machen. Für das eigene Leben ist es daher wichtig, auf die Begegnungen der Vergangenheit zu schauen und über ihre Prägung nachzudenken. Sie alle haben einen Sinn.

Diese Überlegungen führen uns in die Mitte des heutigen Evangeliums. Der Textabschnitt dreht sich um eine Begegnung zwischen Maria und Elisabeth. Beide sind in einer ähnlichen Situation. Maria trägt Jesus im Leib und Elisabeth Johannes den Täufer. Maria fällt es nach der Verkündigung des Engels offenbar schwer, mit ihrem Schicksal umzugehen. Sie hat Fragen, mit denen sie nicht allein fertig wird. Darum macht sie sich auf den Weg, um Elisabeth zu begegnen. Das ist nicht selbstverständlich, denn dem Menschen ist eine Trägheit inne, die erst einmal von der Motivation, einer Frage tiefer auf den Grund gehen zu wollen, übertroffen werden muss. Maria hat diese Motivation und erhofft sich von Elisabeth Unterstützung.

Rainer Maria Rilke hat die Begegnung dichterisch eingefangen:

Sie kam den Hang herauf, schon schwer, fast ohne
an Trost zu glauben, Hoffnung oder Rat;
doch da die hohe tragende Matrone
ihr ernst und stolz entgegentrat

und alles wusste ohne ihr Vertrauen,
da war sie plötzlich an ihr ausgeruht;
vorsichtig hielten sich die vollen Frauen,
bis dass die junge sprach: Mir ist zumut,

als wär ich, Liebe, von nun an für immer.
Gott schüttet in der Reichen Eitelkeit
fast ohne hinzusehen ihren Schimmer;
doch sorgsam sucht er sich ein Frauenzimmer
und füllt sie an mit seiner fernsten Zeit.

Dass er mich fand. Bedenk nur; und Befehle
um meinetwillen gab von Stern zu Stern –.
Verherrliche und hebe, meine Seele,
so hoch du kannst: den HERRN.

Der Weg, den Maria gehen muss, führt durch das Bergland von Judäa. Es ist ein steiler, beschwerlicher Weg. Wo immer ein Mensch in die Tiefe möchte, um auf den Grund einer Frage zu stoßen, muss er sich auf Mühsal einstellen. Maria fühlt sich hilflos und darum nimmt sie den mühsamen Weg auf sich. Die Begegnung mit Elisabeth stößt in Maria eine Wandlung an. Elisabeth erkennt, dass Maria gebenedeit ist unter den Frauen – allerdings nicht um ihrer selbst willen, sondern weil sie die Liebe Jesu in sich trägt. Das Kind im Bauche der Elisabeth hüpft vor Freude. Das stärkt Maria in einer Weise, dass sie ein triumphales Gottesbekenntnis singt: „Meine Seele preist den Herrn“. Aus der Begegnung sind Größe und Kraft hervorgegangen. Dietrich Bonhoeffer beschreibt den Magnificat-Gesang der Maria mit schönen Worten:

„Dieses Lied der Maria ist das leidenschaftlichste, wildeste, ja man möchte fast sagen revolutionärste Adventslied, das je gesungen wurde. Es ist nicht die sanfte, zärtliche, verträumte Maria, wie wir sie auf Bildern sehen, sondern es ist die leidenschaftliche, hingerissene, stolze, begeisterte Maria, die hier spricht … ein hartes, starkes, unerbittliches Lied von stürzenden Thronen und gedemütigten Herren dieser Welt, von Gottes Gewalt und von der Menschen Ohnmacht.“

Nun darf das Triumphale des Gesanges nicht nach außen getragen werden. Es wächst vielmehr nach innen. Es geht nicht darum, Menschen, die anders sind, anders glauben oder gar nicht glauben, kleinzumachen oder zu zerstören. Das hat die Kirche oft missverstanden, wann immer sie Ungläubige gestürzt hat. Wenn man Marias Erkenntnis hat und den Herrn wegen seiner Liebe preist, braucht es keine Sieger und Besiegte. Denn was da nach innen wächst, ist Liebe und Liebe ist immer verbunden mit Barmherzigkeit und Gerechtigkeit.

Vielleicht nehmen Sie selbst diejenigen Menschen, die entscheidend für Ihren Lebens- und Glaubensweg waren, mit durch die Woche. Vielleicht möchten Sie einige Gedanken über diese Begegnungen aufschreiben oder sogar alte Begegnungen wiederbeleben. Vielleicht stoßen Sie allein oder zusammen auf den Sinn, der diesen Begegnungen innewohnt. Ich wünsche uns allen auch für die Zukunft fruchtbare Begegnungen, die uns in der Tiefe berühren und wachsen lassen.

Ihr

Pastor Thomas Laufmöller

Predigt vom 19. Sonntag im Lesejahr A

Der Sturm auf dem See Mt 14,22-33 (Angst und Vertrauen)

Wie lassen sich die biblischen Gleichnisse verstehen? Der tiefere Sinn des auf dem Wasser Gehens aus dem heutigen Evangeliumstext kann vordergründig nicht erschlossen werden. Eine vordergründige Lesart würde sofort fragen, ob es sich dabei nicht um eine Utopie handelt. Eine tiefgründige Lesart lässt sich hingegen mit einer Bildbetrachtung vergleichen. Wer hat das Bild gemalt? Welche Farben sind auf dem Bild zu sehen und welche Bedeutung haben sie? In welcher Zeit wurde es gemalt? Sind persönliche Erlebnisse in das Bild hineingeflossen? Noch tiefgründiger steigt man in den Text ein, wenn man den analysierenden Verstand ruhen und das Herz sprechen lässt. Das Herz weiß mehr. „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, stellt Antoine de Saint-Exupéry fest. In der Hingabe des Herzens lässt sich am tiefsten in die Geheimnisse des Glaubens eintauchen und ihre Poesie erfahren.

Jeder kennt die Erfahrung, von plötzlichem Gegenwind im Leben getroffen zu werden. In Israel kommen die Fallwinde von jetzt auf gleich. Steigt man im See Genezareth auf der einen Seite bei Windstille in ein Boot, weiß man plötzlich nicht mehr, wie man ans Ufer auf der anderen Seite des Sees kommen soll. Die Fahrt wird bedrohlich und der Mensch, der sich mitten auf dem See befindet, wird von Angst übermannt. Diese Angst erleben die Jünger im heutigen Text. Das Boot, in dem sie sitzen, ist das Lebensboot, also das Boot, mit dem man durch das Leben fährt.

Matthäus hatte bei der Abfassung seines Evangeliums die Judenchristen im Auge. Sie haben aus ihrer Geschichte heraus sofort verstanden, was die Jünger durch den plötzlichen Sturm auf dem See erleben. Sie haben sogleich Verbindung gezogen zu den Ängsten, die ihr Volk in der Sklaverei in Ägypten gespürt hat. Auch der mühsame Weg durch die Wüste ist wieder in Erinnerung gekommen. Finden wir aus dieser Wüste jemals heraus, hatten sich die Vorväter gefragt. 40 Jahre hat der Weg gebraucht. Diese lange Wüstenzeit war neben aller Mühsal natürlich auch eine Heilszeit und hat eine besondere Gotteserfahrung eröffnet. Nicht selten geschehen die tiefsten Gottesbegegnungen auch im tiefsten Lebenstal. Aber dieses wüste Tal muss man aushalten und das macht Angst.

Fast unmittelbar vor unserer Erzählung wird die Enthauptung des Johannes beschrieben. Dieses Ereignis hatten die Jünger also im Rücken und mussten damit umgehen. Gleiches gilt für die Zuhörer des Evangeliums, die sich der Gefahr bewusst wurden, die ihre Glaubensüberzeugungen mit sich brachten. Die eigene Lebens- und Heilsgeschichte trat vor das Auge bzw. durch den emotionalen Faktor der Angst auch in das Herz.

Wie gehen Menschen mit ihren Ängsten um? Wie verhalten sie sich zu den Ängsten, die ihre Lieben ausstehen? Welche Aufgabe hat die Kirche in Bezug auf die Ängste der Menschen?

Die Kirche muss primär dort sein, wo Menschen in Ängsten sind. Das Begleiten von Menschen in Not hat höchste Priorität. „Selig sind die Armen“, heißt es in der Bergpredigt. Dieser Gedanke gehört zum Zentrum des christlichen Glaubens. So habe auch ich während meiner Urlaubszeit mit trauernden Menschen in der Gemeinde telefoniert und meine Hilfe angeboten. Ähnliches ist im Grunde von jedem Christen gefordert. Wo man helfen kann, darf man gern helfen. Lebt ein geliebter Mensch in Angst und braucht Hilfe, so läuft die Unterstützung ganz selbstverständlich. Seine Sache ist meine Sache.

Aus der Not heraus kommt ein Mensch wohl nur durch tiefes Vertrauen. Vielleicht lässt sich die Wichtigkeit von Vertrauen am besten durch die Leichtigkeit eines Tierfilmes vermitteln, den ich vor Kurzem gesehen habe. Gezeigt wurde ein Gehege mit zwei Orang-Utan-Jungen, die sich von Baum zu Baum hangelten. Ihre Mutter lag entspannt auf dem Rücken auf dem Boden und hatte die Arme ausgebreitet. Manchmal ließen sich die Kleinen plötzlich auf den Bauch der Mutter fallen und liebkosten sie. Die beiden waren sich offenbar sehr sicher, dass sie von der Mutter gehalten werden. Sie waren voller Vertrauen zu ihr. Nach der Liebkosung konnten sie sich daher zurück zu den Abenteuern in die Bäumen schwingen.

Auf unseren Evangeliumstext bezogen, heißt das zuerst einmal, dass man manchmal aus dem sicheren Boot in das Meer des Lebens aussteigen muss und schwammigen Boden betritt, von dem man nicht weiß, ob er einen trägt. Diese Unsicherheit und Unabsehbarkeit machen Angst. Aber ohne Wagnis kommt man nicht durch das Leben. Petrus wagt den Schritt auf das Wasser, weil er weiß, dass er auf Jesus zugeht, der die Liebe ist und ihn darum tragen wird. Er vertraut ihm fest – und dann kommen plötzlich doch Zweifel. Das ist menschlich. Kein Mensch vermag es, absolut zu vertrauen und immer frei von Zweifeln zu bleiben. Margot Käßmann empfiehlt daher, im Zweifel zu glauben.

Petrus ruft um Hilfe und Jesus erkennt die existentielle Unsicherheit seines Jüngers. Was macht Jesus? Er streckt in dem Moment seine Hand aus und packt Petrus. Diese Hand ist ein Bild für den tragenden Boden der göttlichen Liebe. Petrus legt sich in diese Hand hinein. Er übergibt sich vertrauensvoll an diese liebende Hand und drückt dadurch auch seine eigene Liebe aus. Solch ein Moment des Liebeserlebens und des Vertrauens kann unser ganzes Leben verwandeln – selbst wenn er nur eine Sekunde lang dauert.

Ich wünsche uns, dass wir uns unsere Lebensängste bewusst machen und uns ihnen stellen. Ich wünsche uns, dass wir die Ängste der anderen Menschen sehen und auf sie zugehen. Und ich wünsche uns, dass wir darauf vertrauen, dass da eine Hand ist, auf die wir zugehen und die uns packen und halten wird. Der Mensch ist die Leidenschaft Gottes. Das ist ein unendlicher Segen.

Ihr/Euer

Pastor Thomas Laufmöller

Predigtgedanken vom 16. Sonntag im JK A

Weizen und Unkraut – Gleichnis Mt 13,24 – 30

Die Bibel möchte Gott zur Sprache bringen. In den Gleichnissen Jesu hat sie eine wunderbare Sprache gefunden, die nach 2000 Jahren immer noch wirksam ist. Es ist eine tiefgründige Sprache. Man muss sie sich aber erschließen, um sie auf das eigene Leben übertragen zu können. Die Gleichnisse sind dafür gemacht, um in unserem Alltag zu klingen und uns mit ihren Bildern den Weg des Glaubens zu zeigen.

Ein Beispiel dafür ist das Gleichnis vom Unkraut und dem Weizen. Das Unkraut ist ein Bild für das Dunkle, das Böse; der Weizen ist ein Bild für das Helle, das Gute. Licht und Schatten kommen gemeinsam vor – in jedem Menschen. Der Mensch ist schnell dabei zu sagen, er wisse, was gut und was böse ist. Doch kein Mensch hat die absolute Wahrheit in seinem Besitz. Nur Gott hat sie, weil er die Wahrheit selbst ist. Der Mensch hat höchstens Wahrheitsauffassungen, die zur Disposition gestellt werden müssen. Das Bewusstsein, dass man sich der Wahrheit immer suchend nähern muss, verlangt eine Haltung der Demut. Der Mensch ist außerdem schnell dabei, das Unkraut sofort herauszureißen. Das Gleichnis sagt hingegen: Pass auf, Mensch, reiß es nicht zu schnell heraus, denn du kannst das Böse und das Gute nicht voneinander isolieren. Kein Mensch kann beurteilen, was das Gute und was das Böse ist, weil er begrenzt ist. Würde er versuchen, das Böse herauszureißen, würde er das Gute sofort unvermeidlich mit zerstören. Das Gleichnis lädt den Menschen darum dazu ein, innezuhalten, genau hinzuschauen und zu überlegen.

Der Dichter und Liedermacher Reinhold Schneider hat in den 50er Jahren das Naturkundemuseum in Wien besucht. Dort ist ihm beim Schweifen durch die Sammlung aufgegangen, dass man die Größe und Weisheit der Evolution genauso betrachten muss wie die unvorstellbaren Grausamkeiten. Beides existiert, oft vermischt, aber der Mensch ist dazu eingeladen, das Gute zu bedenken und zu leben.

An wen hat Matthäus sich mit den Worten des Gleichnisses gerichtet? Die Gemeinde in seinem Umfeld war jüdisch geprägt, d.h., sie bestand zu 90 Prozent aus Menschen, die aus dem jüdischen Glauben kamen und sich zu Christus bekannten. Hier unterscheidet sie sich beispielsweise von den Gemeinden, die um Lukas herum zu finden waren. Diese waren nämlich vorwiegend aus Heidenchristen zusammengesetzt. Die Judenchristen um Matthäus hatten ihre festen Riten, ihren Weg zu glauben und zu leben. Sie waren beschnitten, stützten sich auf das mosaische Gesetz und hatten bestimmte Tischsitten. In dieser Gemeinde befand sich außerdem eine kleine Gruppe Heidenchristen, die diese jüdischen Riten nicht mit ins Christentum bringen konnten. Aus Sicht der Judenchristen lebten und glaubten sie daher nicht „richtig“. Sie gehörten nicht wirklich zu der Gemeinde. Überlegen Sie mal, was passiert wäre, wenn man diese Heiden sofort „herausgerissen“ hätte. Dann wäre das Christentum wohlmöglich nicht nach Europa gekommen, sondern in dem kleinen Bereich in Israel steckengeblieben.

Matthäus betont nun, dass die jüdisch geprägte christliche Gemeinde Impulse von außen zulassen soll. Er hat sich für Vielfalt eingesetzt, damit die Menschen an die Wahrheit der Liebe herankommen. Er will eine Vielfalt von Meinungen und Auffassungen groß machen, vielfältige Wege und Traditionen zulassen, weil sie die Menschen in Lebendigkeit zusammenführen und zu Gott leiten. Anstatt sich selbst mit der Verabsolutierung der eigenen Wahrheit zum Gott zu machen, deutet er an, dass man in der Liebe zur Vielfalt der göttlichen Wahrheit näherkommen kann. Denn verschiedene Wahrheiten fügen sich in der Wahrheit zusammen.

Natürlich ist es schwierig, in einer Gemeinde zu leben, wenn man eine Minderheit ist. Aber auch diese Minderheit ist gefragt. Es gilt, aufzustehen und Farbe zu bekennen, Auseinandersetzungen zu wagen, anstatt sich still zu verbiegen und aufzugeben.

Arnold Angenendt hat sein letztes Buch nach diesem Gleichnis benannt und den Aspekt der Toleranz in den Mittelpunkt seiner Ausführungen gestellt. Toleranz kommt vom lateinischen „tollere“. Das bedeutet „tragen“ oder sogar „ertragen“. Wer tolerant ist, erträgt die ihm fremde, gegensätzliche Meinung des Anderen. Er lässt sie zu, begegnet ihr in reifer Phase sogar mit Wertschätzung, da er anerkennt, dass auch der Andere an der Wahrheit haftet, ihr also entgegen strebt. Toleranz ist ein Akt der Liebe – der Liebe zur Wahrheit und zum wahrheitsliebenden Menschen. Natürlich entstehen in einem Raum der Toleranz auch Reibereien, aber durch die Weitsicht dieser Tugend hält man andere Meinungen doch aus und nutzt die Chance, in der Auseinandersetzung auch die eigene Meinung zu überdenken. Wichtig ist dann ein zweiter Schritt, nämlich nicht nur bei der Theorie der Meinungen zu verharren, sondern sie in die Tat umzusetzen, sie in den Gemeinden auszuprobieren. So lassen sich Erfahrungen sammeln, die Wahrheit der Meinungen wird überprüft und muss sich bewähren.

Wenn ich auf die eigene kirchliche Situation schaue, so beobachte ich, dass der von den Bischöfen erlassene Weg der Fusion lebendiger kleiner Gemeinden zu Großgemeinden nur zu tolerieren ist. Ich muss diesem Weg weder zustimmen noch dieses behaupten, sondern ihn aushalten. Für mich stehen die Fragen im Mittelpunkt, ob eine Gemeinde von innen heraus wachsen darf, ob ihre Lebendigkeit blühen darf, ob Glaube, Hoffnung und Liebe dort gedeihen können und ob individuelle Vielfalt ermöglicht wird. Schaue ich mir die Diskussionen der Synode an, so muss man sich fragen, wo wir in fünf Jahren stehen werden. Was ringt sie sich in der Diskussion über die Fragen der Rolle der Frauen im Dienst für die Kirche, ihrer monastischen Strukturen und den Möglichkeiten für die Menschen, sich selbst einzubringen, ab? Und wird das Abgerungene umsetzbar sein oder von Oben mit einem Wisch vom Tisch gefegt?

Was ist ein gereifter Mensch? Das war meine Frage zu Beginn der Heiligen Messe. Ein gereifter Mensch weiß, dass nur Gott die Wahrheit hat und dass Menschen auf der Suche nach ihr sind. Die Wahrheit Gottes, die die Liebe ist, gilt es zusammen mit anderen Menschen zu suchen. Hier muss sich die christliche Nächstenliebe bewähren, die in harten Auseinandersetzungen die Toleranz in jedem Einzelnen fordert. Solch eine Grundhaltung ist auf das Leben und die Liebe ausgerichtet. Ich wünsche uns darum allen, dass wir selbst in harten Auseinandersetzungen die Freude am Leben und Glauben behalten und auf jedem Schritt durch das Glaubensleben hin zur Wahrheit reifen.

Ihr / Euer

Pastor Thomas Laufmöller

15. Sonntag im JK A

Das Sämann Gleichnis – Mt 13,1-9

Jesus redet oft in Gleichnissen zu den Menschen. Sie waren ein Weg, seine Lebensmission zu erfüllen: den Menschen die Botschaft vom Reich Gottes zu bringen. Diese Gleichnisse sind mit Herausforderungen behaftet, da man sie allegorisch deuten lernen muss. Es geht darum, die Bildsprache zu verstehen und zum Klingen zu bringen. Es geht darum, in ihr das Leben wiederzufinden – das Leben mit Gott, das Leben mit dem Anderen, das Leben mit der Schöpfung.

Im Gleichnis vom Sämann lernen wir einen Sämann kennen, der unermüdlich Samen ausstreut. In Israel zur Zeit Jesu wusste so ein Sämann nicht, welche Samen aufgehen werden und Früchte bringen. Denn er wusste nicht, was unter dem Boden ist. Israelische Bauern pflügten zu dieser Zeit ihre Böden nämlich nicht.

Dieser Sämann ist ein Beispiel für Jesus Christus, der unermüdlich versuchte, die Worte Gottes unter die Menschen zu bringen – ohne zu wissen, mit welchen Menschen er es zu tun hat. Er verkündete Gottes Worte der Liebe unermüdlich trotz der vielen Enttäuschungen, die er erlebt hat. Wie oft stieß er auf einen harten Boden? Wie oft wurden seine Worte nicht ins menschliche Leben übertragen?

Auch wir sind als Getaufte und Gefirmte Sämänner und dürfen von Gottes Worten erzählen – ja, es ist sogar unser Auftrag. Natürlich wissen wir von unseren Grenzen und wir wissen auch von den Menschen, die das Wort nicht aufnehmen wollen. Versuchen können wir es trotzdem.

Ein wichtiges Bild im Gleichnis vom Sämann ist der Boden. Er bringt unterschiedliche Voraussetzungen mit. Führt er an den Feldern vorbei, ist er festgetrampelt – wie ein hartes Herz, das sich verschlossen hat. Die Samen, die auf diesen Boden fallen, werden von den Vögeln weggepickt.

Ist der Boden felsig, können die Samen zwar aufgehen, aber sie bleiben an der Oberfläche. Sie können keine Wurzeln ausbilden. Am Anfang des Lebens brauchen Menschen einen kindlichen Glauben, aber je mehr man selbst heranreift, desto reifer muss auch der Glaube werden, desto tiefer muss er also gehen. Es stellen sich Fragen, was die Worte Jesu eigentlich mit dem eigenen Leben zu tun haben. Man hält nicht nur durch die Eltern Kontakt zum Glauben, sondern man geht selbst in das Geheimnis des Lebens hinein. Das kann mühsam sein, aber auch erfüllend.

Der Samen kann auf einen Boden voller erstickender Dornen fallen. Hier muss man sich fragen, was alles das eigene Leben bestimmt. Man hat vielleicht zu viel zu tun und findet keine Zeit für die Tiefe des Lebens und die Reflexion über das Leben. Irgendwann bleibt einem die Luft weg, weil die Hektik einen überflutet.

Natürlich kann der Samen auch auf einen Boden fallen, der offen ist, ihn zu empfangen und Früchte zu bilden. Es ist an jedem Menschen, in das eigene Wesen hineinzuschauen und zu prüfen, welchen Boden man den Worten Gottes bereitet. Oft gibt es Phasen im Leben: mal ist das eigene Wesen so, mal so.

Von Thomas von Aquin gibt es einen wunderbaren Satz: Die Gnade setzt die Natur voraus. Mit „Natur“ meint er das Wesen des Menschen. Dieses Wesen wird von Gott vorausgesetzt. Er kann uns nur offenbaren, was unser Wesen aufnehmen kann. Bei unterschiedlichen Menschen kann das Wesen ganz unterschiedlich entwickelt sein. Ein Mensch, der allein aus den Gütern dieser Welt leben will, ein Mensch, der völlig aus eigener Hand leben will, wird keinen Zugang zur Spiritualität haben. Er ist nicht mehr offen für das Wunder und die Liebe. Er kann Gott nicht mehr nachspüren. Sein Wesen ist dafür nicht offen und so kann Gottes Gnade nicht wirken. Aber jeder Mensch kann sich öffnen und die Gnade im Inneren spüren. Jeder Mensch ist dazu eingeladen.

Ich selbst hatte Glück auf meinem Glaubensweg. Meine Eltern haben die Grundlagen gelegt. Außerdem bin ich in einer Gemeinde aufgewachsen, in der ich einfach sein durfte. Ich habe das Zusammensein mit den Anderen, den Austausch mit Kindern und Jugendlichen erlebt. Der nächste Schritt war bei mir die Musik und die geistlichen Begleiter. Durch beides habe ich mein Wesen entdeckt. Dieses Wesen war schon in mir, aber es musste offengelegt werden. Durch die Musik habe ich eine Kraft erfahren, die mich getragen und gehalten hat. So hat sich mein Wesen geöffnet und Gottes Botschaft konnte reifen und Früchte bringen. Heute empfinde ich das Geschenk des Glaubens als großen Schatz und er erfüllt mich mit großer Dankbarkeit.

Wir können ein Leben lang an unserer Natur arbeiten. Freue dich über das, was die Erde schenkt, aber sei dir dessen bewusst, dass es begrenzt ist. Siehe, dass es etwas gibt, das die Geschenke der Erde übersteigt. Suche Gottes Botschaft und seine Liebe und lebe daraus. Wenn du die Liebe spürst, hat Gottes Gnade dich berührt. Dann kann sie fruchten. Das wünsche ich uns allen!

Ihr

Pastor Thomas Laufmöller

Predigt zum 13. Sonntag im JK

Ich bin getauft! Was bedeutet mir mein Getauft-sein? Röm 6,3-4 und Mt 10,37-42

Denken Sie manchmal an Ihre Taufe? Wahrscheinlich werden Sie sich nicht an sie erinnern. Aber denken Sie manchmal an die Tatsache, dass Sie getauft sind? Machen Sie die Taufe in Ihrem Herzen groß? Was bedeutet die Taufe für Sie?
Das Wort „Taufe“ kommt von „tauchen“. Wer getauft wird, wird in die Liebe Jesu Christi getaucht. Wie sehr leben Sie aus dem Geschenk der Taufe, durch das Sie in besonderer Weise in die Liebe Jesu Christi hineingelegt wurden? Sich durch das Leben hindurch immer wieder an das Geschenk und die damit einhergehende Verbundenheit zu erinnern, ist wichtig. Eine Erinnerungskultur lässt den Menschen reifen.
Paulus‘ Brief an die Römer ist das Vermächtnis seiner gesamten Theologie. Dort heißt es: „Wisst ihr denn nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind?“ (Röm 6,3) Wenn ich in Taufgesprächen die Eltern frage, warum sie ihr Kind taufen lassen möchten, findet dieser Aspekt kaum Anklang. Vielmehr lauten die Begründungen: Das sei Tradition. Das habe man so gelernt. Das könne nicht schaden. So würde das Kind keine Nachteile haben, z.B. bei Kindergartenplätzen. Das Kind könne auf diese Weise lernen, den Glauben in Gemeinschaft zu leben. Man möchte dem Kind eine Richtung geben, ihm den Weg des Glaubens zeigen. Denn die Werte des christlichen Glaubens kann man nur im Umgang mit anderen verwirklichen. Liebe braucht Gemeinschaft. Auch die eigenen Grenzen bedürfen der Unterstützung anderer Menschen und Jesu Christi.
Oder soll man warten, bis das Kind erwachsen ist und es dann selbst entscheiden lassen, ob es getauft werden möchte? Die Taufe ist so etwas wie eine Muttersprache. Man wählt sie nicht selbst, sondern wächst in sie hinein und dann gehört sie zur eigenen Identität. Mit der Taufe wächst man in diesen Glauben und in diese Gemeinschaft hinein. Natürlich müssen die Eltern dafür die Verantwortung tragen und hinter dem Glauben stehen. Auf der anderen Seite bietet die Taufe eines Kindes die Gelegenheit für die Eltern, zusammen mit dem Kind im Glauben zu wachsen. Man darf hier außerdem nicht außer Acht lassen, dass die christliche Kultur unser Leben bestimmt und wir den Blick auf sie daher nicht verlieren sollten. Eine ausdrückliche Auseinandersetzung mit den Wurzeln unserer Kultur tut immer gut – aber eben auch das selbstverständliche Hineinwachsen in sie und das Aufgehobensein in ihr.
Natürlich ist es schwer, mit den Eltern über den paulinischen Aspekt der Taufe zu reden. Wenn ein Kind so klein ist, liegt der Tod gewollt in weiter Ferne und die Vergänglichkeit des Lebens ist ein heikles Thema. Bei Beerdigungen spielt der Rückblick auf die Taufe aber eine große Rolle. Sie macht deutlich, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, sondern dass die Liebe Jesu Christi größer als der Tod ist.

Schaut man sich die alten Taufbrunnen in Israel an, so werden beide Elemente miteinander verbunden. Der Täufling musste drei Stufen hinunter gehen. Wie bei einem Begräbnis führte es ihn zuerst in die Dunkelheit des Todes hinein. Die ersten Christen zogen den Täufling schließlich aus dem Wasser heraus und wollten damit sagen: Es gibt eine Liebe, die den Tod überwindet. Du feierst hier das Leben. Ich bin selbst einmal diese Stufen hinuntergegangen, um dieses Erlebnis nachzuspüren.
Die Taufe ist Beginn, aber nicht das Ende des Glaubensweges. Er führt weiter über die Erstkommunion bis zur Firmung. Sie ist der Abschluss der Taufe. Nun dürfen die Jugendlichen selbst entscheiden, ob sie weiter Teil der Gemeinschaft der Gläubigen sein möchten, die ihr Leben in der Richtung auf Jesus Christus hin führen.
Betrachten wir neben dem Römerbrief zusätzlich das Matthäus-Evangelium, so zeigt sich, welche Herausforderungen durch ein getauftes Leben entstehen können. So liest man: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht würdig.“ (Mt 10,37) Diese Stelle kann man eigentlich nur verstehen, wenn man weiß, in welchem Kontext das Evangelium entstanden ist. Die ersten getauften Christen wurden verfolgt. In den Familien, in denen es einen getauften Christen gab, kam es oft zu großen Konflikten und die Getauften wurden unter Umständen aus der Familie verstoßen. Teilweise nahmen die Eltern auch zu großen Einfluss in den Glauben der getauften Kinder, so dass die Getauften bereits wieder aus der Glaubensgemeinschaft flohen.
Matthäus lebte außerdem in der Überzeugung der Naherwartung, also der Rückkehr Jesu Christi, die das Ende der Zeiten einläuten sollte. So ist eine solch radikale Aussage durch Jesus verständlich. Es macht keinen Sinn, sich mit aller Kraft an die irdischen Ursprünge zu klammern, wenn man seinen Blick doch besser in Richtung des nahenden Himmelreiches wenden sollte.
Auf der anderen Seite lebt der Mensch im Gebot der Gottes- und Nächstenliebe. Das sind nicht zwei voneinander verschiedene Liebesarten, sondern es handelt sich um eine Einheit. Man kann die Gottesliebe nicht gegen die Nächstenliebe ausspielen und umgekehrt. Wer Gott liebt, kann den Nächsten nicht hassen, und wer den Nächsten liebt, liebt Gott implizit mit. Im Sinne des Matthäus sollte aber kein Mensch als Absolutum betrachtet werden, sondern jede Liebe zu einem Menschen hat Gott als absolute Richtung und kann diese Richtung ausdrücklich nehmen.
Ich wünsche uns allen, dass wir uns immer wieder an unser Getauftsein erinnern und daran denken, dass die Liebe größer ist als der Tod. Ich wünsche uns, dass wir die Kinder auf ihrem Weg durch den Glauben unterstützen und das Leben mit ihnen teilen. Und ich wünsche uns, dass wir als Gemeinde zusammen in eine Richtung blicken, in die Richtung Jesu Christi, und dass diese Begegnung für uns alle zum Segen wird.
Ihr / Euer
Pastor Thomas Laufmöller

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